Archiv-Vegelahn

Badefreuden in Osterode vor 100 Jahren - Teil 2

Osteroder Kreis=Anzeiger
vom
Dienstag, 06. Juli 1993
, von Albrecht Schütze
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Zeitungsartikel | Schwimmbad

Aus den Annalen der Stadt: Badefreuden in Osterode vor 100 Jahren - Teil 2

OSTERODE. Osterodes Bürger zeigten schon immer ein großes Interesse an Badeeinrichtungen. Wie berichtet, gab es in der Sösestadt seit 1827 die Koch-sche Badeanstalt, und 1890 wurde das Freibad am Lehmteich eröffnet.

Zwischenzeitlich fanden sich Osteroder Bürger und gründeten den Osteroder Schwimmbad-Verein, der sich das ehrgeizige Ziel setzte, eine Schwimmhalle zu bauen. Am 18. Juli 1892 fand eine Ausschußsitzung statt, auf der die Planung und Finanzierung der Schwimmhalle beraten und beschlossen wurde. Von den veranschlagten Gesamtkosten in Höhe von 12 000 Mark brachte eine Art Bürgerinitiative in ganz kurzer Zeit 6000 Mark auf, so daß die Verwirklichung des Baues in greifbare Nähe rückte. Der Bauplatz zwischen Spazierweg und Schwimmbadstraße lag durch die Apenke als Wasserspender fest.

So wurde bereits ein Jahr später, 1893, die erste Osteroder Schwimmhalle gebaut, jedoch mit erheblich höheren Kosten. Daß dieses Vorhaben dennoch in relativ kurzer Zeit verwirklicht werden konnte, ist bemerkenswert, denn der Magistrat war seinerzeit mit dem Bauvorhaben der Bürgerknabenschule, die 1894 fertiggestellt wurde, finanziell stark belastet.

Das erste Osteroder Hallenbad war damals etwas Besonderes, denn Schwimmen — genauer gesagt Schwimmunterricht — war noch nicht so populär. Denn, obgleich das Schwimmen eine sehr alte Form der Körperertüchtigung war, verlor es im Mittelalter an Bedeutung, wurde als unzüchtig verpönt und kam erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts wieder mit Mühe zur Geltung.

Der Mitbegründer der Turnkunst der gebürtige Quedlinburger Guts Muths, schrieb 1798 eine erste Anleitung zum Schwimmen, doch dauerte es Jahre, bis der pädagogische Wert des Schwimmens allgemein anerkannt und praktisch umgesetzt wurde. Seit etwa 1820 wurden städtische Schwimmanstalten eingerichtet, 1842 in Liverpool das erste Hallenschwimmbad eröffnet Schwimmbäder mit künstlich erwärmtem Wasser waren eine sehr kostspielige Anlage. Eine Kleinstadt wie Osterode konnte sich diesen Aufwand nicht leisten. So blieb das Wasser in der ersten Osteroder Schwimmhalle erfrischend. Nur die vorhandene Brauseanlage konnte geheiztes Wasser spenden.

Das Hallenschwimmbad war für Osteroder Verhältnisse dennoch ein enormer Fortschritt, denn kein lehmiges, trübes Wasser, kein Schilf störte die badefreudigen Besucher. Der geschützte Raum lockte auch an kälteren Sommertagen Badende an. Damen und Herren konnten — fremden Blicken entzogen — getrennt, wie es die strengen Sittenvorschriften verlangten, baden. Wegbereiter zum ersten gemeinsamen Bad beider Geschlechter waren die Familienbäder. So wurde 1902 die Eröffnung des Familienbades in Westerland/Sylt als ein besonderes Ereignis, eine revolutionäre Neuheit empfunden. In Osterode dauerte es noch gut 20 Jahre, bis die Badeordnung die „vorbehaltliche Badezeit für weibliche Personen" aufhob.

Zwischenzeitlich erwachte ein anderes Bewußtsein, der Mensch empfand sich als Teil der Natur. Die „überdachte Badeanlage" entsprach nicht mehr den Erwartungen, so wünschte man sich an sommerlichen Tagen, in freier Natur zu baden. Der Erste Weltkrieg und die wirtschaftliche Notlage ließen jedoch den Bau eines Freibades nicht zu. Erst nach 1928 hätte man in Osterode beide Möglichkeiten wahrnehmen können, doch der Entwurf vom 24. August 1926, das Hallenbad zu einem Winterbad umzurüsten, wurde zugunsten des Ausbaus Oberer Kuhteich zu einer Freischwimmanlage mit Liegewiesen unter der Bezeichnung „Freiluft-Schwimm-und Sonnenbad" nicht mehr ernsthaft weiter ausgearbeitet. Eine ganzjährige Badesaison, wie sie seit 1970 in Osterode angeboten wird, war seinerzeit nicht zu verwirklichen.

Bei der Eröffnung der Freischwimmanlage am 17. Juni 1928 galt noch die übliche Badeordnung, die an bestimmten Tagen der Woche — in Osterode waren es der Dienstag und der Donnerstag von 9 bis 12 Uhr — nur Frauen und Mädchen das Baden gestattete. Erst durch Antrag von Dr. Schulte, „die vorbehaltliche Badezeit aufzuheben", wurde mit Wirkung vom 8. August 1928 an das Osteroder Schwimmbad ohne Einschränkung ein Familienbad. Zum gleichen Zeitpunkt wurde das Baden für Herren in „Laufhosen" (statt Badeanzügen) gestattet.

Die erste Osteroder Schwimmhalle, die 1893 eröffnet wurde, war im Stil der Zeit ausgestattet. Eine Warmwasserversorgung gab es übrigens nur für die Brauseanlage. Repro: Wagner

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