Lübecker Bibelgesellschaft

Jubiläumsschrift der Lübecker Bibelgesellschaft aus Anlaß ihres 150jährigen Bestehens im Jahre 1964, Seite 9-13:

Aus der Gründungsgeschichte der Lübecker Bibelgesellschaft

Horst Weimann

Die Gründung der Lübecker Bibelgesellschaft fiel in eine bewegte Zeit. Die Franzosen residierten auf lübschem Gebiete. Ihre Wache kampierte im Heiligen-Geistr Hospital. Die Eingliederung der alten Hansestadt in das Departement der Elbmündungen war vollzogen. Vielleicht ahnten die Bürger, daß auch in Lübeck und nicht nur in Tirol und andernorts die Willkür zum Standrecht ausarten würde.

In diesen Zeiten hielt Johannes Geibel, »Prediger der evangelisch reformierten Gemeinde zu Lübeck«, seine Predigt über 1. Joh. 5, 4.5: »Des Glaubens weltüberwindende Kraft.«

Es war die erste Geibel-Predigt, die auf Wunsch seiner Freunde und Zuhörer im Druck erschien. Noch wünschte Geibel nicht, eine Sammlung seiner Predigten herauszugeben, weil er sie für zu unbedeutend hielt. Von allen mir bekannt gewordenen Geibel-Predigten — ob im Original, in Rezension oder Druck - hat mich diese stets am tiefsten ergriffen. Diese ungeschminkte Selbstkritik: ». . . daß wir nicht mehr sind, was wir sein sollen. Wir erwachen mit einem Schrecken über uns selbst«; diese klare Erkenntnis: ». . . es zeigen sich ja in unserm Innern die widersprechenden Gewalten, wir erfahren ja, wie wir fortgezogen werden von brennenden Begierden, ob uns gleich das Gesetz im Innern gebeut, sie zu unterdrücken«; dieser pädagogische Auftrag: ». . . wird nun nicht von neuem angefacht die erloschene Liebe zu Gott, so wird immer elender, nichtiger unser Dasein . . .«; diese erweckende Gewißheit: ».. . ein neuer Mensch steht er da, der Gläubige, aus Gott geboren! Das Alte ist vergangen, es ist alles neu geworden! Glauben, und nur glauben, das ist alles, was wir-zu thun haben . . .«

Die Kontinentalsperre hatte nicht nur Englands kommerzielle sondern auch die literarischen, geistigen, geistlichen und die diesem Empire eigenen pionierenden Initiativen weitgehend gehemmt und dadurch gestaut. Die industrielle und missionarische geballte Kraft entlud sich nach dem Zusammenbruch der napoleonischen Europakonstruktion in elementarer Wucht und schwemmte - einer Sturmflut gleich - nicht nur in die kolonialen Länder sondern auch in die europäischen Aufbaugebiete, speziell die des russischen alliierten Zarenreiches und seiner orthodoxen Kirchenlandschaften. Das >Buch der Bücher< erwies sich als >grenzenlos< im wahrsten Sinne des Wortes, seine Inhalte übersprangen alle Ländergrenzen — und der Pastor der deutschen Luthergemeinde zu London, Robert Pinkerton, ferner John Paterson u. a. m., aus Britannien kommend, hinterließen als begeisterte Pioniere der Bibelverbreitung entlang ihren Reisewegen überall eine Kette von Bibelgesellschaften in Süd-, Mittel- und Norddeutschland, in Nord- und Osteuropa. Die expansive schottisch-presbyterianische Initiative traf die Völker des Festlandes und auch ihre regierenden Fürsten und Kabinette, ihre Ratsherren und Bürgerschaften in uneingeschränkter Aufnahmebereitschaft an. Man schrie geradezu nach politischer Stabilität, nach kommerziellem Progreß und religiöser Erweckung, den Voraussetzungen für eine glückliche und gesicherte Zukunft. Einst war das >Buch der Bücher< kurz nach der Reformation als kostbare Rarität auf den Orgelchören zu St. Marien angekettet und zu Eutin als Prämie für gute Katechismuskenntnisse von >Hand zu Hand< gegeben worden; jetzt sollte es bei allgemein steigender Lesefertigkeit auch in das >niedere< Volk gelangen, die Erweckungssehnsucht befriedigen und zur sittlichen Absicherung der Zukunft beitragen.

Johannes Geibel, den man zwar - knapp zehn Jahre nach seiner Emeritierung - auf dem Lübecker Kirchentag 1856 nicht mit einem einzigen Worte erwähnte, trat am 16. September 1814 mit einem erregenden Aufruf »Ein Wort an meine Mitbürger« vor die Lübecker Öffentlichkeit, um der Bibelnot ein Ende zu bereiten.

Er spürte den Indifferentismus im Lübecker Bürgertum, das, im Grunde konservativ und maßvoll, sich ganz einer eigenständigen und typisch lübschen Gemeinnützigkeit verschrieben hatte. Johannes Geibel dachte gar nicht daran, die missionarischen und pflegerischen Aufgaben, die das Bürgertum unter geistlicher Anleitung ganz in seine bewährten Laienhände genommen hatte, erneut zu verkirchlichen oder gar zu verstaatlichen, d. h., unter den kirchenregimentlichen Senat zu stellen. Dagegen kam es Geibel aber sehr wohl auf die Niederhaltung des Rationalismus an, der auch in Lübeck das biblisch gegründete christliche Leben auszuhöhlen begann. Hier führte Geibel als einflußreicher und berufener Redner die >biblische< Opposition an. Wenn er 1810, inmitten der französischen Bedrückung, die Freiheit allein durch den Glauben verkündet hatte, so mußte er ihn aus der Bibel begründen. Immer hatte er nur die Schriftlehre und ihre Auslegung betreiben wollen, gerade auch in den von ihm in Lübeck begründeten Bibelstunden, die er bis an sein Lebensende gehalten hat. Sein »Wort an meine Mitbürger« führte zur Begründung der Lübecker Bibelgesellschaft. Hier verkündete der realistische Bürger Geibel: »Am Eingange einer neuen Zeit ist ein neuer Geist uns Noth . . . selbstsüchtig und genußbedürftig woget die Menge dahin«; es forderte der erfahrene Volkserzieher Geibel: ». . . Geist nur erneuert. Im Geiste lebet der Mensch«; es deutete der prophetische Seher Geibel: ». . . Vergeblich arbeitet daher für die Menschen, wer des Geistes nicht achtet«; es warnte der mahnende Historiker: ». . . (Vergeblich, wenn man den Menschen) nur Maschinenwerth läßt«; und endlich pries der seelsorgende Prediger: ». . . Geist allein erwecket den Geist... ohne Wort, ohne Buchstab, kein Geist!«; der praktische Theologe aber schlug den Weg vor: ». . . Die Bibel! Hausbuch jeder Familie! Handbuch jedes Einzelnen!«

Johannes Geibel hatte sein Wort an die Mitbürger gerichtet — und ein jahrhundertelang in Lübeck geübter Brauch trat in Aktion: Der Urheber, der Rufer, er konnte nunmehr wieder zurück ins tägliche und stille Tun treten; 81 Personen folgten sogleich dem Aufruf - aber Geibel selbst übernahm nur das Sekretariat der Gesellschaft, während das Patriziertum und die Bürger jetzt Herzen und Hände öffneten, d. h. in Führung und Spende aktiv wurden.

Präsident der Bibelgesellschaft wurde Se. Magnificenz Dr. Overbeck. Vizepräsident: Syndicus Dr. Curtius. Verwaltende Mitglieder waren Pastor Becker, Pastor Westerwick, die Prediger Joh. F. Petersen und Eschenburg, die Herren N. B. Blohm und Prof. Federau, ferner Schullehrer Papke und College Poser. Kassenverwalter wurde der hochangesehene (im Pres-byterium stehende) Kaufmann Fr. H. Pauli der Ältere. Bibliothekare: Herr Heinrich Wrede und Prediger Kasche. Sekretäre: Roeck und Johannes Geibel.

Es war selbstverständlich, daß sich die äußere Organisation der Lübecker Bibelgesellschaft nach dem bereits im Sommer 1814 aus London in Lübeck eingetroffenen »Entwurf zur Errichtung von Bibelgesellschaften in Norddeutschland« richtete. Dr. Patterson, Dr. Hcnder-son und Dr. Pinkerton, die geistigen Urheber, waren so bedeutsame Sachkenner auch der deutschen politischen und geistlichen Verhältnisse, daß die Struktur ihres »>Entwurfes< zur Grundlage der 13 Punkte der Ordnung der Lübecker Bibelgesellschaft wurde. Geistlichkeit und führende Lübecker Bürgerfamilien übernahmen fortan die Lenkung der Gesellschaft: Lindenberg, Overbeck, Nölting, Niederegger, Pauli, Ganslandt, Gütschow, Stolterfoht und viele andere. Am 17. September erhielt die Gesellschaft die obrigkeitliche Billigung; am 4. Oktober 1814 fand die erste Sitzung des Verwaltungsausschusses statt. Im Foreign Sub Committee in London lief ein Brief von Rev. John Paterson ein und gab Veranlassung für die Zuweisung von 100 Pfd. Sterling an die Lübecker Gesellschaft. Im Dezember wurden ihr von London 50 französische Bibeln und 500 Neue Testamente zur Verfügung gestellt. 1815 schrieb Rev. Johannes Geibel einen Brief an die Britische und Ausländische Bibelgesellschaft, in dem er für das Geld dankt: ». . . Die Mitgliederzahl nimmt zu, und es wird erwartet, daß sie weiter wächst, wenn das 

Ziel und der Zweck der Britischen und Ausländischen Bibelgesellschaft mehr bekannt werden.« Ab 31. Oktober 1817 wurden jährlich Versammlungen einberufen. Sie nahmen mit einem gottesdienstlichen Präludium einen festen Platz in der Feierfolge der lübschen Sonntage ein. Bisher unversorgte Arbeitsgebiete innerhalb der Stadt (Schrödersche Freischulen, St.-Annen-Werkhaus, Seeleute der Schiffergesellschaft, Auswanderer, in Lübeck wohnende Schweden u. a. m.) wurden von der Bibelgesellschaft fortan betreut; in den Diskussionen um den Wert der Bibelgesellschaften als solche (in den Schleswig-Holsteinischen Provinzialberichten und im Niederelbischen Merkur — ab 1815, Heft V - öffentlich geführt) trat die Bibelgesellschaft bereits als feste Ordnungsgestalt mit einem Kulturstatus in ihre Bewährungsphase ein.

Die Gründungszeit war beendet, als sich die Lübecker Bibelgesellschaft auf das Gebiet »buten der Stadt« (Pastor Hasse, Prediger Eschenburg in Travemünde; die Gemeinden Schlutup, Genin, Nüsse und Behlendorf) ausdehnte und zum »gegenseitigen Annähern« Verbindung zu den Brudergesellschaften in Basel, Hamburg-Altona, Schleswig-Holstein, Stockholm und St. Petersburg im Jahre 1817 aufnahm.