Osterode am Harz

Was alte Akten darüber aussagen - Osteroder Vieh weidete bis in den Oberharz

OSTERODE. Zu den interessantesten, wenn auch schwierigsten Kapiteln der Osteroder Stadtgeschichte gehört die Geschichte der alten Osteroder Stadt weiden. Diese Weiden im Walde erstreckten sich bis in den Oherharz. Sie berührten auch Clausthaler Gebiet und gaben noch im 18. und 19. Jahrhundert Anlaß zu mancherlei Streitigkeiten. - Als alte Ackerbürgerstadt hatte Osterode für seilte Stadtviertel und ihre Viehherden bestimmte Weideplätze in der Nähe der Stadt. Im allgemeinen bevorzugte die Weidenutzung die Randstreiten in der Nähe der Stadt, vor allem nördlich von der Stadt (Flurnamen erinnern noch daran), erstreckte sich aber vielfach auch auf die Hochflächen der nahen Harzberge.


Das Bild der Landschaft, gerade das der Landschaft um Osterode, muß sich im Laufe der Jahrhunderte sehr gewandelt haben. Dabei ist festzustellen, daß keineswegs, wie oft angenommen wird, undurchdringlicher Hochwald bis an die Grenzen der Stadt heranreichte. Die vielen Weideflächen lassen eher das Gegenteil vermuten. Wichtig war vor allem auch die Mast, denn es war zu bestimmten Zeiten auch in Osterode verboten, eine größere Anzahl von Schweinen in der Stadt und in ihren Häusern zu halten. Die Reihe der bestellten Schweinehirten für die vier Viertel der Stadt ist bekannt. Sie trieben im Auftrage der Stadt und ihrer Einwohner auch die Schweineherden in die Mast- und Weideflächen außerhalb der Stadt. Dabei spielte die Eichel- und Bucheckermast eine große Rolle. Im übrigen unterhielt die Stadt mehrere Viehställe, die sogenannten Hördelager, bis in den Oberharz, die bis in den Winter hinein, bei milden Wintern sogar in den winterlichen Monaten selbst, benutzt wurden. Sie wurden von der Kämmerei unterhalten.

Seit Vorhandensein regelmäßig geführter und vorhandener Kämmereirechnungen seit Beginn des 17. Jahrhunderts nehmen die »Hördelager« und ihre bauliche Unterhaltung eine bestimmte Rubrik in den Stadtrechnungen ein. - Für die Waldnutzung, z. B. für die Mast auf dem Harz und im Harzforst, lagen für die Stadt Privilege vor, und Reste der alten Waldnutzung durch die Stadt haben sich sogar bis heute z. B. in den Bestimmungen für das »Reiheholz« erhalten. - Die Stadtakten im Stadtarchiv berichten viel über Streitigkeiten wegen der »Hut und Weide«, d. h. Hütung und Weide. Sie sind aber über die rein juristischen Vorgänge für die Stadtgeschichte von besonderem Interesse, da in ihnen alte Grenzen der Feld- und Weideflur mit; alten Namen aufgezeigt werden. Für das Gebiet um Osterode sind sie heute für die Erforschung der Flurnamen von akutem Interesse. So erscheinen bei Streitigkeiten aus dem Jahre 1755 in der Nähe des Bremketales der Große und der Kleine Sonnenkopf, aber auch schon der Lattenbusch (heute Straßenname im Bereich der Stadt) und der Eulenspiegel. Daneben werden genannt, die Rumpelbrücke, der Knüppelberg und der Krebshay (Krebshey).

Für die Stadt Osterode und die Gemeinde Freiheit bestanden seit langem alte Forst- und Weidegrenzen zum Clausthaler Forst. Hier und da müssen aber die Hirten beider damals noch als Nachbarn geltenden Gemeinden ihre Grenzen bei der Weide überschritten haben. So wurden sie nach 1750 erneut festgelegt. Hier erkennt man sogar nach dem Text der Verlautbarungen nach den Verhandlungen der Vertreter beider Gemeinden mit Clausthal die genauen Grenzsteinsetzungen. Sie können heute noch nach alten Karten verglichen werden, die es aber nur noch im Hauptstaatsarchiv Hannover gibt. Osterode und Freiheit durften danach nicht über den Bornberg (heute wohl der Bornsberg am Leinental) weiden, die Clausthaler im Borntal selbst. Genaue Grenzsteinsetzungen fanden um diese Zeit auch zwischen der Gemeinde Lerbach und Osterode statt.

Eine Rekonstruktion der alten Grenzen ist nur mit großer Mühe möglich. Das Osteroder Stadtarchiv verwahrt aber unter seinen zahlreichen Akten für die Grenzen der »Hude und Weide« so interessante geschichtliche Unterlagen, daß die weidewirtschaftliche Entwicklung für einen besonders wichtigen Teil des Westharzes, zu dem das Gebiet um Osterode gehörte, zu erkennen ist. Das machen schon die alten Grenzsteinsetzungen deutlich. Selbst noch in letzten Grenzfestsetzungen jüngerer und jüngster Zeit ist diese geschichtliche Entwicklung zu erkennen.

Da eine Gesamtgeschichte des westlichen Harzforstes, von Teilveröffentlichungen abgesehen, die sich z. B. in der »Harz«-Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde des alten Harzvereins finden, noch nicht geschrieben ist, sind diese Quellenunterlagen zur Wirtschaftsgeschichte des Harzes ganz allgemein wichtig. Erwähnt sei nur noch am Rande, daß sich in den Akten des Osteroder Stadtarchivs auch ein bisher nicht bekannter Rezeß über Clausthal und Altenau und ihre Weidegrenzen von 1666 findet.

Die Grenzen der Weideflächen haben sich nicht immer mit den Forstgrenzen gedeckt. Nach Renners >»Historisch-topographischen Nachrichten und Notizen der Stadt Osterode« 1888 und 1884, Neuauflage von 1977, S. 202, betrug der Flächeninhalt der Osteroder Stadtwiesen zu den Jahren 1888-1884 860 Morgen, wovon 700 Morgen »einschürig« und 160 Morgen «zweischürig« waren.

Noch heute läßt die Anlage der ältesten Siedlung Osterode erkennen, daß ihr Ausgangspunkt eine Rodungssiedlung mit weilerartigem Charakter gewesen ist. Neben frühem Forst besitz gehört aber auch Hude und Weide zur alten Struktur der Stadt und ihrer wirtschaftlichen Entwicklung. Der dörfliche Charakter der alten Siedlung ist offensichtlich, und es ist ja längst bekannt und allgemeiner Wissensbesitz, daß Bauern wüst gewordener Dorfstellen der Umgebung (Beierfelde, Mötlingerode) sich aus alten Wüstungsfluren auf der Neustadt Osterode ansiedelten.

Quellen: Hauptstaatsarchiv Hannover, Stadtarchiv Osterode, Akten Hude und Weide und Karten-Abtl.

408 Handwerksmeister in der Stadt — Osterode in der Beschreibung von 1792 - Eichsfelder Tabak -  für Osterode
 
Osterode. Der von uns bereits vorgestellte Christoph Wilhelm Gatterer, gelehrter Professor der Staatswissenschaft in Heidelberg, der 1792 eine Beschreibung des Harzes schrieb, gedenkt auch ausführlich des „Gewerbe- und Nahrungsstandes" von Osterode. Nach einer, gleich zu Anfang dieses Kapitels beigefügten „Gewerbe-Liste" vom Anfang des Jahres 1792 gab es damals in der Harzstadt 408 selbständige und Lohnmeister.
 
So zählte das Schuhmacherhandwerk allein 74, das Bäckerhandwerk 23, das der Fleischer 10 und das der Schneider 21 Meister. In der Zeugfabrikation waren 60, in der Leinwand-und Baumwollfabrikation 40 Lohnmeister vertreten. 15 Eimermacher (das alte Gewerbe der Kleinbinder) stehen 12 Kaufleuten gegenüber; es gibt daneben bei den Lohgerbern 8 Meister, die Maurer haben 5, die Grobschmiede 7. Noch immer sind in der Stadt 4 Goldschmiedemeister vertreten. Interessant ist auch die Zahl der Chirurgen. Es waren 1792 nicht weniger als acht in der Stadt vertreten.
 
Nach den alten Handwerksordnungen, die gerade zum Anfang des 18. Jahrhunderts für die Osteroder Gilden erneuert worden sind, wählt jede Gilde jährlich einen Gildemeister. Aus dem Hat ist für jede der Gilden ein „Commissär" bestellt, der manchmal auch zwei Gilden beaufsichtigte. Hinsichtlich der Gesellenzahl stehen ebenfalls die Schuhmacher an der Spitze; diese Gilde zählte damals 36 Gesellen. Kupferschmiedemeister waren vier in der Stadt zu zählen.
 
Die Bierbrauerei in Osterode bezeichnet Gatterer ebenfalls als ein sehr altes Gewerbe. Man habe 1574 mit Weißbier angefangen, nachdem man bis dahin Braunbier gebraut habe. Nicht 294 Bürgerhäuser besitzen in Osterode die Braugerechtigkeit, sondern nur 194, wie eine Berichtigung in einem Exemplar der Reisebeschreibung, das sich in der Bibliothek der Bergakademie Clausthal befindet, ausweist. Augenblicklich, so schreibt der Verfasser, sei das Bierbrauen in Osterode sehr zurückgegangen; gerade dieser Verfall verdiene aber „die Aufmerksamkeit" der Landeskollegien".
 
Die Braugerechtigkeit, die man auch veräußern konnte, kostete damals ganze 300 Taler, eine ziemlich hohe Summe. Die Stadt besaß damals nur das Recht, innerhalb des eigentlichen Stadtgebietes Bier zu verzapfen; für die Ausfuhr allein schon in die benachbarten „Seestädte" mußte die Stadt eine Pacht an das Amt in Osterode bezahlen. Eingegangen war damals auch schon die alte Söldnersche Branntweinbrennerei, die in der Nähe des alten Schützenhauses lag. Es hatte vorher, einschließlich auf der Freiheit, fünf Brennereien gegeben. Auch sie mußten, wie wir aus den Stadtrechnungen wissen, einen ziemlich hohen „Branntweinblasen-Zins" entrichten. Er steht als nicht unerhebliche Einnahmequelle auf den Einnahmeseiten der Kämmereirechnungen. Eine Essigbrauerei unterhielt der ehemalige Vizekantor Spies. Es handelt sich um den späteren Kämmerer Johann Christoph Spies, der 1804 zu diesem Amt gewählt wurde und bis 1810 in ihm verblieb.
 
Von den einzelnen Gilden weiß der Verfasser Besonderheiten hervorzuheben. So seien die Osteroder Nagelschmiede für ihre ausgezeichneten Tapeziernägel bekannt. Sie lieferten wöchentlich allein für 20 Taler diese Nägel nach Göttingen. Auch ein Tabakspinner war damals noch in der Stadt, es war der in dem Buch nicht genannte Johann Wilhelm Seulicke aus Eschershausen, der 1787 Bürger wurde. Sein Sohn nannte sich bereits Tabaksfabrikant. Nach dem Bürgerbuch der Stadt gab es aber von 1727 bis 1764 nicht weniger als sechs Tabakspinner als neue Bürger in Osterode. Sie erhielten ihre Ware meist aus der Gegend von Duderstadt. Bei dem von Gatterer genannten Tabaksfabrikanten Johann Heinrich Wecke handelt es sich um einen Kaufmann aus Badenhausen, der aber mehr einen Handel mit Tabakwaren betrieb.

Vom Handel der Stadt weiß der Verfasser den umfangreichen Getreide- und Mehlhandel hervorzuheben, wobei er freilich das Kornmagazin nennt, das in seiner Eigenart und Bestimmung andere Aufgaben hatte. Immerhin habe dieses Magazin Osterode den Ruf verschafft, der „Kornboden des Harzes" zu sein. Der Holzhandel bediene sich sehr rege der Flößerei aus dem Harz. An der Sösenbrücke (gemeint ist wohl die Stelle der späteren Waldstraßen - Brücke, heute Berliner Brücke) befinde sich ein Rechen, der das Flößholz auffange. Die Stadt habe selbst einen regen Bedarf an Holz aller Art für ihre Sägemühlen.
 
Die Beschreibung der Fabriken und Manufakturen nimmt in dem Werk einen so großen Platz ein, daß darüber noch berichtet werden wird. Als Fachmann auf dem Gebiete der damaligen Wirtschaftsgeschichte hatte Gatterer hier Gelegenheit zu einer ausführlichen Würdigung. Dabei gibt er eine Zusammenfassung über die Wollfabrikation in Osterode, die vielleicht von allen zeitgenössischen Beschreibungen die umfangreichste ist. Der Abdruck einer Regierungs-Verordnung für die Osteroder Wollfabriken vom Jahre 1762 machen die Beschreibung sogar zu einer besonderen geschichtlichen Quelle.
Einstimmigkeit im Rat — Ausführungen von Rektor Friedrich Kirchner
 
Osterode. Erstaunlich ruhig verlief in der letzten Ratssitzung die Debatte über die Planungen für einen Mittelschul-Neubau in der Sösestadt. Man war sich im Rat darüber einig, daß man sie braucht, daß die Röddenbergschule als Aufbauzug nicht ausreicht und die Jacobitorschule ungeeignet ist und auch Ratsherr Zischkaie wagte in langatmigen Ausführungen die „Flucht nach vorn", wie Bürgermeister Dr. Krome sich ausdrückte und gesellte sich zur Masse des Rates und der Stimme der Vernunft.
 
Die einzelnen Beschlüsse haben wir bereits erwähnt, die zur Planung führen für diese Schule, die nicht allein für Osterode gebaut werden kann, denn 45 Prozent der Schüler werden vermutlich von außerhalb der Stadt kommen. Im folgenden bringen wir einen Beitrag vom Rektor der Röddenbergschule, Friedrich Krichner zu diesem Thema: In der am Dienstag, 11. Februar, stattgefundenen Ratssitzung unter Vorsitz von Bürgermeister Dr. Krome wurde einstimmig beschlossen, den Aufbauzug (verkürzte Mittelschule) der Schule auf dem Röddenberg in eine vollausgebaute sechsstufige Mittelschule — möglichst 1965 — umzuwandeln. Die ansprechenden Anträge sollen bei dem Kultusminister des Landes Niedersachsen gestellt werden. Damit ist ein schwerwiegendes Problem, das Osterodes Einwohner, Eltern- und Lehrerschaft, Rat und Verwaltung bewegt, der endgültigen Lösung näher gebracht worden.
 
Ein letzter Anstoß war, daß nach Abschluß des Ausleseverfahrens im Januar 1964 94 Schüler als geeignet befunden wurden, einen Aufbauzug zu besuchen, und daß die Aufnahme dieser Schüler die Einrichtung einer dritten Anfängerklasse erforderlich macht. Landesüblich in Niedersachsen ist jedoch, daß Aufbauzüge ein- und zweizügig, aber nicht dreizügig sind. Wir finden deshalb in Niedersachsen immer wieder Beispiele, daß Aufbauzüge mit hohen Schülerzahlen in grundständige Mittelschulen umgewandelt werden (u. a. Hann. Münden). Unvoreingenommen läßt sich aus amtlichen Verlautbarungen des Statistischen Bundesamtes n Wiesbaden feststellen, daß die Mittelschule als selbständige Säule unseres Schulwesens neben der Volks- und der höheren Schule größte Anerkennung und Zustimmung in der breitesten Öffentlichkeit gefunden hat.
 
Auch in Osterode ist von Eltern- und Wirtschaftskreisen die Umwandlung des vierstufigen Aufbauzuges in eine sechsstufige Mittelschule gefordert worden. Es ist einleuchtend, daß ein verkürztes vierstufiges Mittelschulsystem immer die Gefahr der Überforderung der Schüler mit sich bringt. Das Fehlen einer zweiten Femdsprache Französisch, die dem Aufbauzug versagt ist, wird als Mangel empfunden, und stellt besonders bei Übergängen zum Gymnasium ein schweres Hindernis dar. Manche Begabung, die sich erst später zeigt, kann dadurch nicht gefördert werden. Da Osterode außerdem Patenstadt von Armentieres ist, wird der Französisch-Unterricht sehr begrüßt.
 
Hart betroffen sind nach Osterode zugezogene Familien, deren Kinder bisher Mittelschulen besucht haben, und die nun, wenn sie Schüler der 5. und 6. Mittelschulklassen sind, im Aufbauzug nicht untergebracht werden können. Ein Aufbauzug kann in Städten, in denen das Bedürfnis für eine Mittelpunktschule vorhanden ist, nur als Übergang aufgefaßt werden. Beispiele im Kreis stellen die Städte Bad Lauterberg, Bad Sachsa und Herzberg dar, deren Aufbauzüge durch den Herrn Kultusminister schon vor längerer Zeit in Mittelschulen umgewandelt worden sind.
 
Osterode hat im Aufbauzug auf dem Röddenberg schon heute die stattliche Zahl von etwa 300 Schülern, die in acht Klassen unterrichtet werden. Es steht zu erwarten, daß eine Mittelschule 480 und mehr Schüler haben wird, für die 15 bis 18 Klassen erforderlich wären. Mit dem Beschluß vom 11. Februar ist der Rat der Stadt den Wünschen weiter Bevölkerungskreise entgegengekommen.
Osteroder Buchbinder stellte Zündhölzer her
 
Osterode. Es ist gut 125 Jahre her, seit ein Osteroder Buchbinder, Friedrich Nitsch, 1840 beim Rat der Stadt den Antrag stellte, in Osterode die Herstellung von Zündhölzern zu genehmigen. Der Buchbinder hatte in seinem Gesuch eine wirtschaftliche Notlage angegeben, die ihn zwinge, sein eigentliches Gewerbe aufzugeben und sich eine neue Erwerbsquelle zu suchen. Die Erteilung der Konzession für diesen in Osterode neuartigen Fabrikzweig verknüpfte die Stadt mit der Bedingung, daß das „Mischen" der zu der Herstellung der Zündhölzer benötigten feuergefährlichen Stoffe nicht im Stadtbereich, sondern außerhalb der Stadt geschehen müsse.
 
Das alles erfährt man aus wenig bekannten Akten des Stadtarchivs. Schon die Landesregierung hatte durch Patente und Verordnungen den „feuergefährlichen Gewerben" erhebliche Bedingungen auferlegt. Sie waren auch nötig, denn die Hantierung mit diesen Stoffen konnte leicht zu Bränden in den mit Fachwerkhäusern bestellten alten Städten führen. Am 7. Februar 1848 hat dann die Landdrostei Hildesheim, die Vorgängerin unserer heutigen Regierung, ein allgemeines Reglement für die mit der Herstellung von Zündhölzern oder Sprengsätzen beschäftigten Gewerbetreibenden erlassen. Sie verbannte ganz allgemein diese Gewerbe vor die Mauern der Städte. Immerhin bestand ja auch die Grundsubstanz der damaligen Zündhölzer aus einer Mischung von „Kali, Schwefelblume, Gummiarabicum und „Tragant - Zucker" eine Mischung, die in dem Gesuch des Osteroder Buchbinders angegeben ist. Nitsch wurde auch die Auflage erteilt, in der Stadtwohnung zum Verkauf nur eine bestimmte Anzahl von Kisten mit Zündhölzern zu stapeln.
 
Ob sich das Geschäft des Buchbinders lohnte, wissen wir nicht. Wenn es wirklich derselbe Buchbinder Nitsch ist, dessen Haus am Schild noch 1840 zum Verkauf stand, scheint es ihm, anfangs wenigstens, wirtschaftlich nicht gut gegangen zu sein. Aber er fand mit seinem Gewerbe schnell Nachfolger. So vor allem in dem Kaufmann Carl Deiters. Der aus Thiedenwiese bei Elze (Hann.) stammende Kaufmann war 1826 nach Osterode gekommen und hatte hier am 11. April dieses Jahres das Stadtbürgerrecht erworben. Auch er hatte ursprünglich nicht an die Herstellung von Zündhölzern gedacht, sondern mit Handelswaren gehandelt. Er begann im Hinterhof eines Hauses am Kornmarkt mit der Zündholzherstellung, mußte sich aber 1848 zusammen mit Nitsch dem allgemeinen Verbot der Regierung für die Herstellung im Kern der Innenstadt beugen und seine Fabrikation außerhalb der Stadt neu beginnen.
 
Einen groß angelegten Fabrikationsbetrieb für Zündhölzer, die im allgemeinen wohl nach dem Vorbild der bekannten „Schwedenhölzer" hergestellt wurden, begann dann der jüdische Kaufmann Marcus Heinemann, der bereits 1840 in der Stadt Hausbesitz erworben hatte und 1843 Bürger geworden war. Heinemann gab bei seiner, ebenfalls noch bei den Akten liegenden Bewerbung um die Konzession an, daß er bereits Handelsverbindungen nach Übersee angeknüpft habe. So habe ihm eine westindische Handelsfirma einen Auftrag für mehrere Millionen „Reibhölzer" erteilt. Er hatte bereits berechnet, daß die Herstellung der Zündhölzer vielen Einwohnern aus Stadt und Land ausreichenden Verdienst sichern würde. Er spricht bereits von 14 000 Talern an Lohnauszahlungen. Zur Fabrikation hatte er eines der damals noch in der Nähe der Bleichestelle stehenden Gartenhäuschen erworben und ausbauen lassen. Er hatte jedoch mit den Nachbarn dort erhebliche Schwierigkeiten, weil die bei der Fabrikation ausstrahlenden Phosphordämpfe die Bewohner ringsum zu belästigen drohten. Da ihm die nahen Harzwälder verhältnismäßig billig das Holz liefern konnten, begann er wohl als erster in Osterode mit einer groß angelegten Fabrikation von Zündhölzern, so daß mit ihr ein ganz neuer Fabrikationszweig in die Stadt gelangte, der in der Tat vielen Arbeit und Brot gab.
 
Bald fanden sich andere Bewerber für eine solche Fabrikation ein. So etwa der Hildesheimer Fabrikant Lieke, der in der Nähe des Lindenberges und des Schachtruppschen Anwesens eine Zündholzfabrik anlegen wollte. Da der Fabrikant Schachtrupp Einspruch dagegen erhob, bedurfte es erst zahlreicher Gutachten, auch ärztlicherseits, daß der Betrieb anlaufen konnte. Auch der Osteroder Ratsapotheker mußte mehrfach als einziger Chemiker im Ort Gutachten erstellen. Interessant ist dabei, daß damals viele verbotenerweise Holz nach Osterode einschmuggelten und es den Fabrikanten anboten. Vielfach ist dieses Holz aus dem „Staatsforst" sogar als „Reiheholz" getarnt worden, so daß das Oberharzer Berg- und Forstamt einschreiten mußte, da diese Art von „Holzbelieferung" an Fabrikanten auf einem Umwege nach den damaligen Forstgesetzen streng verboten war.
 
Sicher entbehren die Akten über eine Zündholzfabrikation in Osterode nicht eines besonderen Reizes. Sie zeigen, daß die aufstrebende Stadt mit ihren zahlreichen Wirtschaftsunternehmungen, vor allem in der Tuchfabrikation und in der Lederbearbeitung, erfolgreich nach neuen Wirtschaftszweigen suchte. Wir meinen, daß damit ein besonderes Kapitel der Stadt und der städtischen Wirtschaftsgeschichte geliefert ist, das bei einer Gesamtdarstellung wohl zu berücksichtigen wäre. Sehr lange hat sich freilich die Osteroder Zündholzfabrikation nicht halten können Fabrikation in Lauterberg lief ihr den Rang ab und wurde noch lange in den Handbüchern über den Harz als Besonderheit gerühmt. Drg.
Die Akten berichten vom merkwürdigen Tod des Osteroder Pastors A. Böttcher Osterod e. Pastor Andreas Böttcher ist in den Jahren 1624—1640 Pfarrer an unserer Marktkirche St. Aegidien gewesen. Er hat mit seiner Gemeinde die schlimmsten Zeiten des unheilvollen 30jährigen Krieges erlebt, der auch über Osterode Not und Elend brachte. Er hat auch das schlimmste Osteroder Pestjahr 1626 miterleben müssen, das aus seiner Gemeinde über ein Drittel aller Gemeindemitglieder dahinraffte.
 
Als kaiserliche Truppen unter Merode ungeachtet aller Schutzbriefe für die Stadt, die der damalige Bürgermeister Wendt erwirkt hatte, die Stadt plünderten und ausraubten, wurde er wegen seines mutigen Verhaltens der wilden Soldateska gegenüber auf Befehl von Merode verhaftet und mit angesehenen Osteroder Bürgern und Ratsmitgliedern unter Bewachung kaiserlicher Truppen im Stadtgefängnis in Haft gehalten. Am 26. August 1640 starb Böttcher, wie wir aus den Kirchenbüchern und anderen Mitteilungen wissen, an den Folgen einer an ihm vorgenommenen Kur. Er hatte zeitlebens an einem Augenleiden gelitten, das zwar diagnostisch und ärztlich genau nicht mehr festzustellen ist (darüber fehlen ja stets in den Angaben der damaligen Zeit genaue medizinische Notizen), vielleicht aber handelte es sich um ein Starleiden. Sicher ist, daß sich Böttcher in Osterode einer „Kur", wohl bei einem umherreisenden „Chirurgen", unterzog. Solche reisenden Chirurgen gab es viel in damaliger Zeit, Eisenbart ist der größte unter ihnen, freilich war dieser „besser als sein Ruf" (das sei im Eisenbart-Jahr ausdrücklich vermerkt).
 
Böttcher stammte aus Hattorf, wo die Familie alteingesessen war, verwandt sicher auch mit den Förster und Osteroder Böttchers, von denen wir jetzt durch die Forschungen von Oberstudiendirektor Böttger sehr viel mehr wissen als früher. Er ist dort in Hattorf 1573 geboren und wurde mit 29 Jahren schon Rektor der Osteroder Lateinschule. Dem alten Pfarrer Sinderam wurde er, wie es üblich war, als geistlicher Gehilfe beigegeben. Bis 1624 blieb er im Rektorenamt. Nach den Akten litt er fortgesetzt an einer Verschlimmerung des rechten Auges, an einer „Fistel", wenn dem Ausdruck medizinische Glaubwürdigkeit zukommt. Sachgemäß scheint dieses Leiden nie behandelt worden zu sein, obwohl Böttcher, wie es heißt, einige „Kapazitäten" konsultierte, vielleicht sogar an der Universität Helmstedt. Später verschlimmerte sich das Leiden noch. Der Krieg machte eine Behandlung unmöglich. Inzwischen war Böttcher Pfarrer an St. Aegidien geworden.
 
Schon vor 1640 muß der Pfarrer einem Kurpfuscher in die Hände gefallen sein, der dem Leiden mit einer „Pferdekur", nämlich mit sehr scharfen und beizenden Mitteln, zu Leibe ging. Als diese Kur nichts fruchtete, fiel der ahnungslose Pfarrer auf einen zweiten Quacksalber herein, von dem wir jetzt sogar den Namen kennen. Es war der Barbier und Bader Bastian Lippolt, der sich auch Feldscher nannte. Sicher führte er auch kleine chirurgische Operationen durch, was ebenfalls damals nicht verwunderte. Vielleicht war Lippolt mit den kaiserlichen Truppen nach Osterode gekommen. Lippolt verordnete dem Pfarrer eine Heilsalbe, mit der der ganze Körper eingerieben werden mußte. Sicher war sie der damals sehr beliebten, „allheilenden" „Schwarzen Salbe", die sogar in unserer Zeit noch die Schäfer benutzten, nicht unähnlich. Außerdem gab er dem Pfarrer auch starke „Purgierungs-mittel" ein, die die ohnehin geschwächte Konstitution des Geistlichen noch mehr schwächten. Der Pfarrer starb an einem ruhrartigen Durchfall am 28. August 1640.
 
Tippolt wurde verhaftet. Nach dem Untersuchungsprotokoll gab er an, er habe die Wurzel des „Springhorns" verwandt, einer vermutlich recht giftigen Pflanze, obwohl mit ihr der Kurpfuscher bedeutende Leute geheilt haben wollte, so höhere Offiziere auf dem Feldzug. Aber Lippolt konnte nicht mehr abgeurteilt werden, er konnte fliehen und entkam nach Goslar. Der dortige Rat sah zunächst keine Handhabe den wiederum Aufgegriffenen abzuurteilen oder in Haft zu halten. Schließlich wandte sich der Osteroder Rat, der auf Auslieferung des Inhaftierten bestand, an die Juristenfakultät in Helmstedt, die in ihrem Gutachten auf eine Buße an die Frau und Kinder des Pfarrers plädierte. Man riet sogar zu Bürgen, wenn Lippolt die Summe (es waren hundert Taler) nicht bezahlen konnte. Damit war aber der Tod des verdienten Mannes nicht gesühnt. Er stand bei seiner Osteroder Gemeinde in höchstem Andenken, denn er war seinen Pfarrkindern in den schlimmsten Notzeiten ein wirklicher Hirte gewesen.
 
So wirft der „Lippolt-Prozeß", wie wir ihn nennen können, auf die damaligen Zustände manch interessantes Schlaglicht. Er zeigt schlaglichtartig auf, daß sich im Lande damals Kurpfuscher aller Sorte breit machen konnten, die meist rigoros genug waren, barer Münze wegen ohne genügende Sachkenntnis, nur auf Grund von meist nicht nachzuprüfenden „Referenzen" medizinische Heilbehandlungen vorzunehmen.                    Drg.

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