Osterode am Harz

aus „Eisdorf im Hlisgau" von Professor Dr. A. Reinbrecht


Der Ortsname „Eisdorf" erscheint in Urkunden und Chroniken in verschiedenen Sahreibweisen, von denen nur drei als sprachliche Sonderheiten Beachtung verdienen: 1. Eisdorf, 2. Egis-torp, 3. Eichsdorf. Eisdorf ist zu deuten als das Dorf des Eises oder Dorf am Eise. Der durch den Ort fließende Goldbach hatte früher ein breites flaches Bett und ebenso der vorbeigehende Sösefluß, welche beide im Winter größere Eisflächen bildeten, wovon der Name Eisdorf herrühren kann. Egistorp ist das Dorf an der Egge. Egge ist die Schärfe, die Sahneide, ferner auch der scharf vortretende Berg. Ein Berg, der Egge heißt, ist hier nicht vorhanden, wohl aber lehnt sich das Oberdorf von Eisdorf an den Steinberg, gewöhnlich Steinweg genannt. Eichsdorf ist gleichbedeutend mit Eichdorf und Eichendorf. Vor der Verkoppelung reichte sein herrlicher Eichenwald im Tale des Goldbaches von Westen her fast an den Ort. Auch das Dornketal, sowie das Beerbeektal hatten Eichenwälder. In letzterm Tale sind noch in jüngster Zeit im schlammigen Boden einer Wiese Stämme großer Eichen ausgegraben. Alle drei Namen also, nämlich Eisdorf, Egistorp und Eichsdorf, lassen sich durch die Lage des Ortes erklären. Welcher der richtige ist, möge spätere Forschung ans Licht bringen. Mit bezug auf den Namen Egistorp kommt noch der Umstand in Betracht, daß in den letzten fünfzig Jahren, wahrscheinlich auch schon früher, im Sösefelde zwischen Pagenberg und Aue beim Ackern Reste von festen Mauern und irdene Töpfe gefunden sind. Sollte dort das ursprüngliche Egistorp gelegen haben? Eine verschollene menschliche Wohnstätte ist jedenfalls dort gewesen. Andere Formen des Namens, wie Eistorpe, Eistorf, Eistorph, Eystorf, Eysdorf, Eischtorf, von denen die vier letzten schlechtes Deutsch vorstellen, verdienen als nutzlose Varianten keine Beachtung.

Einfacher läßt sich der zweite Teil des Namens erklären. Dorf, Dorp, Torf ist ackerbares Land, dann ein kleineres Gehöft, endlich eine kleine Ortschaft. Der Name bringt uns auf die Frage nach der Entstehung oder Gründung des Ortes.

Professor Max Müller hat in seinen „Bildern aus deutscher Urzeit" die deutschen Siedelungen nach ihrem Namen in drei Gruppen eingeteilt. Diese Einteilung bezieht sich in Sonderheit auf Nordwestdeutschland und Hessen, weil diese stets von deutschen Stämmen bewohnt gewesen sind. Die erste Gruppe umfaßte die Namen der Urzeit bis zur Bildung des fränkischen Reiches, also bis 400 n. Chr. Die Namen sind meistens einfach, aber schwer zu enträtseln und zu deuten, oder sie sind Zusammensetzungen mit den ausgestorbenen Wörtern mar = Quelle, tar = Strauch, lar = Ort, affa - Wasser, loh = Wald. Die Ortsnamen der zweiten Gruppe (400—700 n. Chr.) sind Zusammensetzungen mit au, bach, berg, born, feld, scheid, statt, oder, den Wohnsitz bezeichnend, mit büren, dorf, heim, hausen, wig, oder mit Personennamen, die auf Erbauer oder Eigentümer hinweisen. Die Namen der dritten Gruppe (nach 700) enden auf hagen, rode, seß, bürg, fels, stein, kirchen, kappel, münster. Sie bezeichnen Orte aus der Zeit der großen Rodungen, besonders aus dem 9. bis 13. Jahrhundert. Die Rodungen hören nach 1200 allmählich auf, die Städte und das Städtelebeh entwickeln Sich. Eisdorf gehört in die zweite Gruppe, deren Namen menschliche Wohinstätten bezeichnen, und seine Entstehungszeit mag ums Jahr 700 anzusetzen sein.

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Hans von Eisdorf
von Prof. Dr. A. Reinbrecht in Eisdorf *11. Februar 1848 †1.Marz 1922

An einem hellen Morgen anfangs November 1621 verließ ein junger Mann den Ort Eisdorf im Hlisgau und schritt rüstig den Kirchweg, der nach Nienstedt führt. „Guten Morgen, Hans!" rief ihm auf der Feldgrenze eine bekannte Baßstimme zu. „Es ist also gestern doch dein Ernst gewesen; du willst fort, willst Kriegsmann, wohl gar ein vornehmer Herr werden? Ja, das Bauern-leben ist für dich allmählich auch zu gering geworden." Es war der Hütten -Ludolf, der aus der dort am Dornbeeke einst liegenden Eisenhütte getreten war, um seinem in Krieg und Kampf ziehenden Jugendgenossen die rußige Hand zum freundlichen Lebewohl zu reichen. „Nein", sagte Hans Warnecke, „ich bliebe gern hier, aber jeden Tag Vorwürfe von meinem Vater, von andern auch wohl spöttische Reden, und die Verfolgungen in Osterode, wo ich mich nicht kann blicken lassen, ohne alsbald mehrere hinter mir zu haben mit Knüppeln, d,as kann ich nicht ertragen. Grüß Gott, Ludolf!" Er schritt nun auf der Heerstraße des Sösetals weiter an der Kirche Nienstedt, der Silberburg vorbei und traf in Dorste Kriegsvolk, welches ihn auf die Frage nach den Obersten von Kniphausen und Karpenzan nach Katelnburg und Lindau wies. In Duhme wimmelte es von Soldaten, ebenso glich die Burg einem Ameisenhaufen. Von einem der vielen Boten, die auf die Burg eilten ins Hauptquartier des Herzogs Christian von Braunschweig, erfuhr Hans, daß das Fähnlein von des Obersten Karpenzan Regiment, bei dem sein Freund Beschan Pralle aus Hammensen diente, in Wachenhausen zu finden wäre, über seinen Verwandten Maino Warneke aus Echte, der in des Obersten von Kniphausen Regiment war, konnte er vorläufig nichts erfahren. In Wachenhausen wurde er mit Jubel aufgenommen von Beschan Pralle und dessen Kameraden. Da aber Beschans Fähnlein vollzählig war, begab man sich sogleich nach Lindau zum Regiment des Obersten von Kniphausen, wo er mit gleichem Jubel empfangen und in dasselbe Fähnlein eingeweiht wurde, in dem sein Verwandter aus Echte war. Der Feldwebel hatte solche Freude an dem neuen Zuwachs, der ihn in kerniger Gesundheit und Kraft um einen halben Kopf überragte, daß er ihn bei der Marketenderin traktierte. Am folgenden Tage marschierte das Fähnlein bis Berlingerode, wo die Einwohner feindselig waren und Lebensmittel erst mit Zwang herausgaben. Besser wars in Mühlhausen, wo es drei Tage lang gute Verpflegung gab; wohingegen die Soldaten sich keiner Unfreundlichkeit gegen die Bürger schuldig machen durften. Hans hatte hier Gelegenheit, seine Ausrüstung zu vervollständigen. Wenn die Leute fragten, wohin die braunschweigische Armee marschiere, so bekamen sie zur Antwort „nach Böhmen gegen die Jesuiten"; doch beim Aufbruche wurde man eines andern belehrt, es ging nach Westfalen. Schon träumten die Braunschweiger von schönen Winterquartieren, da gings wieder nach Südosten, ohne Aufenthalt durch Hessen ins Mainzische, wo die Armee in Allendorf, Niederkleen, Künstdorf, Momberg, auch in den hessischen Orten Alsfeld und Homberg a. d. Ohm Quartier nahm und alsbald Neustadt und Amöneburg belagerte. Neustadt war bald gewonnen, aber Amöneburg schien beinahe uneinnehmbar, weil es hoch oben auf einem sehr steilen Felsen lag. Nur auf der Südwestseite lehnte sich ein felsiger Rücken gegen den Festungsberg; aher auch dieser Felsrücken war befestigt und wo er an die Festung stieß, da lag gerade innerhalb der Mauer die feste Burg, welche die Einwohner Schloß nannten. Wer Amöneburg erstürmen wollte, mußte den Berg hinaufkriechen und stand dann ermüdet vor einer starken Mauer. Die Wenigenburg, so hieß das feste Haus auf der Südwestseite, wurde bald überrumpelt und erstürmt und von hieraus konnte man in Sicherheit das Schloß und seine Umgebung genau beobachten. Für die Braunschweiger war es wichtig, das feste Amöneburg bald zu gewinnen, weil die Belagerung durch Regen und Kälte schwierig wurde; es war schon Ende November. Da half ein merkwürdiger Zufall. In den letzten Tagen hatten sich zahlreiche Hessen aus der Nachbarschaft anwerben lassen, und einer von ihnen aus der Gegend von Homburg war mit Hans Warneke befreundet geworden. Dieser neue Freund namens Hummel vertraute Hans als Geheimnis, daß er in Amöneburg im Schlosse ein Mädchen kenne, das er schon öfter nachts besucht habe. Das habe ihn mit ins Schloß genommen und ihm fein aufgewartet mit Wein und Essen. Hummel überredete nun Hans mitzugehen, er meinte, wenn sie in völliger Dunkelheit hinschlichen, wäre es nicht so gefährlich, und wären sie erst im Schlosse, so sorgte das Frauenzimmer für ihre Sicherheit. Gerade die große Gefahr und das Geheimnisvolle reizten Hans, aber er fragte doch erst im Vertrauen seinen Korporal Konrad Barthauer aus Weißenwasser. Großes Staunen malte sich auf dem Gesichte seines Korporals, der nach einigem Sinnen sagte: Hans, du weißt, was dich betreffen kann, aber geh mit und kommt ihr wirklich ins Schloß und ungefährdet zurück, so bringst du mir sofort Nachricht. Du findest mich in dem Wirtshause bei der Mühle." Ins Ohr flüsterte er ihm: „Es kann dein Glück sein."

Es folgte ein sehr dunkler Abend, zwar regnete es nicht, aber dunkle Wolken bedeckten den Himmel, als wollten sie Hummel und Hans verstecken, die mit Katzenschritten den steilen Berg hinaufklommen, von Zeit zu Zeit stehen blieben, mit den Augen die Dunkelheit zu durchdringen suchten, um die dunkeln Umrisse der hochragenden Mauer, das durch die Dunkelheit mit den Wolken verwachsende Schloß, das nahe Tor schärfer zu erspähen, dann nach ein paar geflüsterten Worten weiterklommen. Oben war alles dunkel und totenstill. Sie stiegen bis dicht an die Mauer, kauerten nieder, und Hummel machte mit einem Blech das Geschrei einer Eule nach. Nach ein paar Minuten wiederholte er seine Musik, worauf zur Seite ein kleines Geräusch entstand und etwas wie ein menschlicher Kopf aus der Mauer ragte. Als die Eule noch einmal gerufen, erwuchs an dem Kopfe ein menschlicher Oberkörper aus der Mauer und reckte einen Arm vor. Hummel faßte Hans am Arm, beide erhoben sich und traten durch eine kleine Tür in ein Kellergemach des Schlosses. Sachte schlichen sie im Dunkeln weiter durch eine zweite Tür und, nachdem diese wie die erste verriegelt war, machte das Weibsbild, welches sie eingelassen hatte, ein schwaches Licht an. Der Raum hatte weder Fenster, noch Löcher, so daß sie von außen weder wahrgenommen, noch beobachtet werden konnten. Hans wurde auf eine Bank geschoben, das Weib holte aus einer Ecke zwei Trinkgefäße, sowie eine große Kanne mit Wein, stellte ferner auf einen Klotz Brot, Butter und Käse und machte eine Gebärde der Einladung, indem sie flüsterte: „Besseres habe ich heute nicht."

Das Mädchen — so hatte Hummel es genannt, war nicht mehr neu, es hatte die 29, auf welcher Zahl das weibliche Geschlecht gern eine Weile stehen bleibt, wohl schon erreicht, war handlicher Gestalt und anmutig wilder Gesichtszüge, soviel konnte Hans im Halbdunkel von seiner Bank aus unterscheiden. Beide Gäste aßen und tranken, dann bedeutete Hummel den Hans, auf seiner Bank so lange zu verweilen, bis er ihn wegholte. Das Licht wurde schwächer, dunkler, erlosch schließlich ganz, und so saß Hans im Dunkeln, die Kellerluft war nicht schön, unterhalten konnte er sich nicht, Hummel sah und hörte er nicht, wußte nicht einmal, ob die Liebesleute noch im Gemache waren. Er verfiel in Grübeleien, kam nach Osterode, sah die schöne Ilsa Lenffert und stellte einen Vergleich an: aber nicht lange, da sagte er sich: „Nein, meine Ilsa ist mit keiner zu vergleichen, es ist verbrecherisch, den lieben Engel mit diesem Weibe zu vergleichen. Ach wenn sie wüßte, wo ich jetzt bin." Dann dachte er an seinen Vater, der ihm wegen seiner Liebschaft mit der schönen Ilsa und der daraus entstandenen Händel mit Osterodern so viele Vorwürfe gemacht hatte; und er hatte doch garnichts Unrechtes getan. Da fiel ihm der schöne Wein wieder ein, er tappte im Dunkeln, fand den Becher und trank. Was konnte er auch Besseres anfangen in seiner Lage. Er fand auch die Kanne und trank gleich aus derselben, denn im Dunkeln war das Füllen des Bechers schwierig. Er trank und trank und war daran, einzuschlafen, als nach langer Zeit Hummel ihn rüttelte und fortzog. „Erst", sagte Hans, „muß ich sehen, wie man von hier an das Tor und in die Stadt gelangt". Hummel wollte ihn fortziehen, aber er ließ sich nicht bewegen, bis Hummel zusagte. Durch einen langen Gang, dessen Ausgang ohne Tür war, traten sie in einen Hof; Hummel deutete auf ein kaum zu erkennendes Tor, flüsternd: „Dies ist der Schloßhof, das ist das Tor, draußen rechtsum ist das Festungstor, linksum gehts nach dem Marktplatze. Hans wußte genug, ließ sich zurückführen, die Schöne ließ sie durch die Mauer und vorsichtig, wie sie gekommen, stiegen die beiden wieder hinab, zuweilen umsehend und horchend. „Alles still", meinte Hummel. „Niemand von den Pfaffensoldaten hat uns gesehen." Es war aber auch Zeit, daß ihr nächtlicher Besuch beendet war, denn die Wolken zerteilten sich, es wurde heller. Unten an der Ohm im Wirtshause bei der Mühle saß Hans bis tief in die Nacht mit Korporal Konrad Barthauer; was sie gesprochen, das hat niemand gehört. Als der Korporal Hans entließ mit dem Befehl, am andern Morgen bei ihm zu sein, zeugten seine Augen und seine Nüstern von kühner Unternehmungslust. Als Hans am Morgen zu seinem Korporal kam, hatte dieser schon gewartet, führte ihn zum Hauptmann Eylhardt, bei dem auch ihr Oberst von Knip-hausen sich eingefunden hatte. Der Hauptmann stellte Hansen vor, und der Oberst betrachtete einen Augenblick mit sichtlichem Behagen seinen strammen schönen Pikenier, sagte dann in freundlichem Tone: „Hans Warneke, du willst Schloß und Festung Amöneburg ohne Kampf in unsere Hände liefern. Es ist ehrlicher und männlicher, eine Festung mit Sturm zu gewinnen als mit List; aber die Umstände drängen zur Eile, wähle deshalb heute zwanzig zuverlässige, nüchterne und kluge Leute aus, die du mit der Hülfe Hümmels durch die Burg führst zum Festungstore. Sobald das Tor geöffnet und drei Fähnlein, die in der Nähe bereit stehen sollen, eindringen, ist dein Auftrag beendet. Ich werde selbst da sein. Ich vertraue deiner mehrfach bewiesenen Geschicklichkeit und befehle, daß alles in größter Stille und ohne Blutvergießen zugehe. Alles übrige wird Hauptmann Eylhardt befehlen." Nachdem er sich freundlich verabschiedet, besprachen die drei übrigen das Vorhaben. Hans mußte die 20 Mann nennen und der Hauptmann schärfte Hans und Barthauer ein, mit niemand über die Sache zu sprechen, auch nicht mit Hummel.

Zur selben Zeit wie am Abend vorher brach Hans auf und am verabredeten Orte traf er die zwanzig Mann, die er sich ausgewählt hatte, darunter Maino Warneke aus Echte, Beschan Pralle aus Hammensen, Jürgen Schräder aus Münchehof, Heinrich Oberdiek aus Hattorf, Hans Stats Sötefleisch von der Neuen Hütte; Korporal Barthauer, der nicht fehlte, hatte alle belehrt über das Unternehmen, ganz besonders Hummel, der dabei sein und seine Rolle als Nachtvogel spielen sollte. Ihm befahl Barthauer ganz besonders, daß er sein Frauenzimmer im Keller festhalten und ;an jedem Rufen oder Schreien hindern sollte. Es war so finster wie am Abend vorher. Auf Hümmels Nachtmusik wurde das Maäuerpförtchen wieder geöffnet. Hummel und Hans stiegen ein und während jener sich mit dem Mädchen zu schaffen machte, blieb Hans an der Öffnung stehen, durch welche gleich darauf einundzwanzig Männer hineinkrochen. Nach Verabredung mußten nun die Krieger in vorher bestimmter Reihenfolge einander anfassen und so führte sie Hans langsam und leise dem Ausgange zu. Als er aber hinaustrat, stand vor ihm nach dem Tor zu ein Bewaffneter, auf welchen er sich mit Blitzesschnelle stürzte, indem er ihn mit der Linken im Genick packte und mit der Rechten den Mund zuhielt und ihm zuraunte: „Keinen Ton, kein Geräusch, sonst bist du des Todes!" Der Mann sank vor Schreck in die Knie, wurde von Hans aufgerichtet und zwei Kameraden zur Aufbewahrung im Keller übergeben. Seine Pike hatte Hans ihm abgenommen. Alles das war so geräuschlos vor sich gegangen, daß im Schlosse nichts vernommen war. Nach einigem Bemühen war das Tor geöffnet; bevor sie aber hinausschlichen, machte Hans auf die Brücke und den tiefen Burggraben aufmerksam, dann fingen sie hinüber, bogen rechts um und erreichten das Festungstor, und der Korporal ging daran, dasselbe zu öffnen. Als jedoch die Riegel knarrten, wurden sie von einer Wache zur linken Seite angerufen. „Nun schnell!" sagte halblaut Barthauer, riß vollends das Tor auf, ließ einen kurzen Pfiff hören, und nicht lange dauerte es, da marschierte ein Haufe Braunschweiger nach dem andern durchs Tor geradeaus auf den Marktplatz. Indessen hatte Hans mit einigen anderen die Wache gefangen genommen. Als die Bürger erwachten, aus den Fenstern sahen und die Augen rieben, als die mainzische Besatzung herbei eilte, um zu verteidigen und zu retten, waren die Braunschweiger vollständig Herren der Festung, nahmen zwei Drittel der Besatzung gefangen, die übrigen Mainzischen waren in der Dunkelheit entkommen. Oberst von Kniphausen ließ Tore und Mauern stark bewachen, richtete auch auf dem weiten Marktplatze eine große Hauptwache ein, doch so, daß seine Krieger sich wärmen konnten. Dann schickte der Oberst noch in derselben Nacht Reiter von des Grafen Ysenburg Volk an S. Fürstlichen Gnaden den Herzog Christian von Braunschweig nach Allendorf mit der Nachricht, daß Amöneburg genommen wäre. Am folgenden Vormittage zog der Herzog in Amöneburg ein und nahm hier sein Hauptquartier. Hans wurde an diesem Tage zum Korporal befördert und erhielt gleichwie Barthauer und Hummel vom Obersten von Kniphausen ein Geldgeschenk. In Amöneburg gabs Rasttage, die Braunschweiger glaubten, in den Winterquartieren zu sein. Ihre Kameraden aber außerhalb der Festung hatten mancherlei Plackereien der Verpflegung wegen und machten Streifzüge in die weitere Umgegend. Eines Tages kam die böse Nachricht, daß ein großes katholisches Heer aus der Wetterau gegen den Herzog im Anzüge wäre. Das wären Baiern unter einem Grafen Anholt, die die Braunschweiger bei der Plünderung des Klosters Arnsberg angegriffen und zurückgetrieben hätten, und daß sie schon ins Buseckertal eingedrungen wären. Bald gab es auch Kämpfe um Amöneburg. Der Herzog mußte die Festung räumen, und eine zurück gelassene Besatzung schlug sich bald in einer Nacht zum Herzoge durch. Die Überzahl der Feinde war so groß, daß am 10. Dezember dem Herzoge, der persönlich gegen sie stürmte, das Pferd erschossen wurde und er in der folgenden Nacht, um sich und die Seinen vor völliger Umzingelung zu retten, keine Quartiere beziehen konnte, sondern ohne Lagerfeuer — um sich nicht zu verraten — bei bitterer Kälte im Kneithorfer Walde im Freien lagern mußte. Es war eine böse, unglückliche Nacht. Die Pferde konntens vor Kälte nicht aushalten, rissen sich los und mußten hin und her geführt werden. Die Menschen drängten sich fest zusammen, um sich gegenseitig zu wärmen; in der Folge waren vielen Ohren und Füße erfroren. Schlafen durfte niemand, weil man befüchtete, er würde nicht wieder erwachen. Gegen den Morgen brach das Heer auf und erreichte nach wenigen Märschen unbehelligt die Grafschaft Waldeck, zog von dort in die westfälischen Stifter, wo Graf Styrum rasch Lippstadt eroberte. Das Hauptquartier, welches von Amöneburg nach Frankenberg gezogen war, wurde nun nach Lippstadt verlegt, und die Braunschweiger waren nun wirklich in den schon lange ersehnten Winterquartieren. Arbeit gabs aber immer genug. Oberst Karpenzan eroberte Soest, und Beschan Pralle erzählte Hans, daß nach der Einnahme der Oberst in den Dom geeilt wäre. Dort hätte er einen großen Kasten mit Geld ausgraben lassen, den die Jesuiten versteckt hätten. Der wäre so schwer gewesen, daß vier Pferde ihn nicht hätten ziehen können. Oberst von Kniphausen zog von Lippstadt aus gegen die lippische befestigte Stadt Horn, wo eine feindliche Heeresabteilung besiegt und vernichtet wurde. Hans Warneke war dabei, als der Oberst auf dem schönen Marktplatze in Horn zwei nackende Pikoniere durchpeitschen ließ, weil sie in der Hitze und Wut des Kampfes in der Nähe der Externsteine zwei Jesuiten erwischt und entmannt hatten. Als eines Tages in Lippstadt der Sold ausgezahlt wurde, gabs nagelneue, schöne Taler, die auf der einen Seite einen aus den Wolken ragenden Arm mit einem Schwert und die Inschrift „tout avec dieu", das heißt „alles mit Gott" zeigten, auf der andern Seite die Inschrift „Gottes Freund, der Pfaffen Feind" und die Umschrift „Christian Herzog zu Braunschw. und Lüneburg". Mehrere Wochen später sahen die Korporale Warneke und Barthauer einen Menschenauflauf in Lippstadt, veranlaßt durch ein Bild, das ein Mann an einer Stange trug. Der Mann zeigte mit einem Stocke auf das Bild und rief laut: „West-fälsche Transformatie, alwaer St. Liborius verändert in Ryxdalers." Die Menge brach dann in unbändiges Johlen und Lärmen aus, einige hoppsten vor Vergnügen auf einem Beine. Ein Teil des Bildes, das in Amsterdam hergestellt war, zeigte den heil. Liborius, den Schutzpatron von Paderborn im Schmelzofen, ein zweiter Teil zeigte, wie ein Prägemeister aus dem Silber des Liborius Taler herstellte, ein dritter Teil zeigte, wie die Taler an die Soldaten ausgezahlt wurden.

Einige Leute zeigten solche Taler. Warneke und Barthauer hatten ihrer auch in den Taschen. Den silbernen Liborius hatte der Herzog aus dem Dome in die Münze geschickt samt den 12 silbernen Aposteln. Er hatte auch Gold-gulden und doppelte Dukaten prägen lassen aus erbeutetem Golde. Unterdessen hatte der Erzbischof von Köln den Grafen Anholt auch hierher gerufen, derselbe hatte den Grafen Styrum aus seinen Quartieren geworfen, Soest erobert und dabei Karpenzan gefangen, den der Herzog für hohes Lösegeld befreite. Der Herzog überfiel dann die Kölnischen unter Wickenheim und Polland, brachte ihnen schwere Verluste bei und ließ die Orte plündern, die es mit den Feinden gehalten hatten. Diese wagten nicht viel mehr und konnten es nicht hindern, daß die Braunschweiger Münster nahmen, wobei wieder große Beute gemacht wurde an barem Gelde und schweren Platten von feinem ungarischen Golde. Hauptmann Eylhardt bekam den Auftrag, diese Beute auf Wagen unter großer Bedeckung nach Lippstadt zu bringen, die Überwachung vertraute dieser ganz besonders seinen Korporalen Warneke und Barthauer. Im März 1622 wurde Oberst Karpenzan ins Braunschweigische und Halberstädtische geschickt, neues Volk anzuwerben. Die Braunschweiger sprachen in den Quartieren schon viel vom nahen Aufbruch und vom nächsten Feldzuge, man wollte nach der Pfalz, die armen Pfälzer zu befreien von den Mißhandlungen, die sie durch die rohen Scharen des Bischoffs von Würzburg und Bamberg zu erleiden hatten; aber ehe es so weit kam, ereignete sich noch etwas Schreckliches in Lippstadt. Korporal Warneke, durch seinen Nachbar aufmerksam gemacht, beobachtete zwei Männer, die verdächtig schienen und mehrfach gesehen waren in Gesellschaft eines verkleideten Geistlichen aus Paderborn. Hans meldete dieses seinem Hauptmanne, der in derselben Stunde die beiden Männer sicher verwahren ließ. Man fand bei ihnen reichlich Geld, sowie einen Kontrakt, in dem ihnen für die Ermordung des Herzogs dreihundert Dukaten versprochen waren. Man hoffte, auch den dritten zu fangen, allein er kam nicht wieder. Drei Tage nachher wurden die beiden gedungenen Meuchelmörder, nachdem sie ihre Absicht eingestanden, gevierteilt. Der Leibaufwärter des Herzogs, von Nantzow, ließ von der Zeit ab noch viel vorsichtiger und gewissenhafter jede Speise und jeden Trank untersuchen und probieren, ehe er seinem Herrn davon vorsetzte. Gleich nach diesem Ereignisse kam ein Oberst von Fleckenstein ins Hauptquartier, den der Markgraf Georg von Baden-Durchlach sandte, um dem Heere als Wegweiser zu dienen. Der bevorstehende Feldzug galt dem Bischoffe von Würzburg und dem grausamen Tilly, der in der Pfalz hauste. Zuvor wollte sich der Herzog mit dem Feldherrn Ernst von Mansfeld vereinigen, in dessen Heer in Böhmen schon Karpenzan gekämpft. Am 26. April brach Herzog Christian von Lipp-stadt auf, zog über die Schiffbrücke, die ihm Kniphausen über die Weser gebaut hatte, und nahm bald sein Hauptquartier zum zweiten Male für 14 Tage auf Kateinberg. Hans verfehlte nicht, einen Abstecher nach seiner nahen Heimat zu machen; von seiner schönen Ilsa hörte er nur, daß sie bei ihren Angehörigen in Zelle wäre. Über das Eichsfeld ging es weiter gegen den Main ohne bedeutendere Hindernisse. Nur die kleine Festung Ursel wollte Widerstand leisten, Kniphausens Truppen erstürmten es, nachdem ein Tor mit Petarden gesprengt war. Dann wurde Höchst erobert, doch eine Schiffbrücke über den Main konnte Kniphausen nicht so schnell bauen, weil alle Kähne nach Frankfurt geschleppt waren und dort erst teuer gekauft werden mußten. Die dann geschlagene Brücke war schmal und schwach. Ein Sturm beschädigte die Brücke und angreifende Feinde hinderten. Kniphausen wurde dabei durch den linken Arm geschossen. Von Aschaffenburg, wo sie sich vereinigt, zogen Tilly und Gonzales de Gordova mit ihrem wilden Heere heran, um die Vereinigung des Herzogs Christian mit Mansfeld zu vereiteln. Alle Obersten, auch v. Fleckenstein rieten nun dem Herzoge zu schnellem Übergange über den Main und zur Vereinigung mit Mansfeld; aber der Herzog wollte schlagen, er wollte sich mit Tilly messen, ihn besiegen. So kam am 9. Juni die Schlacht bei Höchst. 15 000 Braunschweiger standen gegen 26 000 Kroaten, Spanier, Baiern. Nicht bloß diese Zahlen waren für die Evangelischen ungünstig. Tilly hatte fünf Geschütze, der Herzog nur drei. Manche Befehlshaber der Braunschweiger waren während der Schlacht abwesend in Frankfurt und Hanau. Hansens Regiment stand beinahe mitten vor den Geschützen der Feinde, neben ihm standen des Herzogs Stücke. Die ßraunschweiger griffen an, wurden aber abgeschlagen, und eine von ihren Kanonen wurde unbrauchbar. Beim zweiten Ansturm stürzte Hauptmann Eylhart aus Goslar, den Hans zurück trug und nach Höchst bringen ließ. Der Kampf wogte noch einige Zeit hin und her, dann zogen die Braunschweiger zurück und flohen teils um die Mauern von Höchst, teils durch die Straßen der Festung, alles drängte sich der schmalen Schiffbrücke zu. Hans, nachdem er gesehen, 'daß sein Hauptmann an seinen Wunden gestorben, nahm einen Richtweg durchs Schloß, über dessen Eingange er; so eilig er's hatte, ein in Stein gehauenes Bild des heil. Georg erblickte. „Könnte ich den Tilly, diesen Bluthund zertreten, wie du den Lindwurm!" Mit diesen Worten strömte er vorwärts und war bald im Gedränge auf der Brücke. War die verlorne blutige Schlacht und das Zurücklassen der Verwundeten ein großes Unglück für die Evangelischen, so war das noch viel mehr dieser vernichtende Übergang über die unzulängliche Mainbrücke. So viele menschliche Körper füllten oberhalb der Brücke den Fluß, daß das blutgefärbte Wasser anfing zu stauen. Zwischen Leichen kämpften Lebende um die Rettung vom Ertrinken. Auf der Brücke war ein Lärmen, ein Fluchen, ein Schimpfen, ein Schreien, ein Stöhnen der Drängenden, der Gedrängten, der Zertretenen und Zerquetschten, daß man davon taub werden konnte. Dazwischen das Schnauben armer Pferde, die dem Ufer zustrebten. Es war ein entsetzliches Schauspiel, ein Höllenbild menschlichen Elends, ein herzzerreißender Jammer. Hinter diesem fliehenden Heere kamen als Verfolger die ärgsten Bluthunde, Schänder und Räuber des 30jährigen Krieges, nämlich die gefühllosen, blutgierigen Spanier und die nicht besseren Kroaten. Als Hans Warneke glücklich am Ende der Brücke war, sah er einen vornehmen Offizier im Wasser mit dem Tode ringen. Derselbe war halb unter der Brücke fest eingeklemmt. Warneke ging von der anderen Seite ins Wasser und es gelang ihm, dem Verunglückten eine Pike zu reichen, an der er sich näher ziehen und retten ließ. Das war der Reiteroberst Graf Wolfgang Heinrich zu Isenburg, der in der Schlacht sich besonders ausgezeichnet hatte. Die Reiterei hatte sich meist durch einen Furt gerettet, ebenso der Herzog und Graf Styrumb.

Nach der unglücklichen Schlacht bei Höchst vereinigten sich die Reste der braunschweigischen Armee mit den Mansfeldischen und die Vertreibung der Spanier aus der Pfalz wurde versucht, gelang aber nicht, weil die Mittel fehlten, zumal in diesem unglücklichen Lande, das schon verwüstet und gänzlich ausgesogen war. Der vertriebene Kurfürst von der Pfalz kam zu ihnen, jedoch ohne Hülfe, obschon England, Holland und Dänemark helfen wollten, Hülfe in Aussicht gestellt hatten, dieses, wie das Volk spottweise sagte, mit 100 Faß Häringen, jenes mit 100 holländischen Käsen, der Schwiegervater König Jakob von England mit 100 guten Ratschlägen. Als dann ein Zerwürfnis eintrat zwischen dem Kurfürsten und den beiden protestantischen Feldherren, zogen diese über Straßburg durchs Elsaß, Lothringen und Frankreich nach den Niederlanden, wohin sie gerufen wurden um Hülfe gegen die Spanier, welche die Festung Breda belagerten. Auf diesem Zuge trank Hans Warneke, der nach der Schlacht bei Höchst zum Feldwebel befördert war, viel Wein, besonders im Elsaß. Der spanische Feldherr Gorduba war Christian und Mansfeld entgegen gezogen, um sie unterwegs zu vernichten oder doch aufzuhalten, wurde aber getäuscht, sie zogen an ihm vorbei über Sedan, Avesnes, Maburg bis Fleurus, wo er sich ihnen dennoch in den Weg stellte, trotzdem sie auf ihrem Zuge 200 Wagen verbrannt und alle Fußsoldaten beritten gemacht hatten, um schneller nach Breda zu gelangen. Den Soldaten war die große Eile nicht erwünscht gewesen, sie waren nun begierig, an den Spaniern Rache zu nehmen. Die Hauptstärke der Evangelischen bestand diese; Mal in ihrer Reiterei, die der Spanier in groben Geschützen. Der Herzog stellte sich Gorduba gegenüber mit Reiterhaufen, auf dem rechten Flügel stand Graf Ortenburg gegen den Spanier Verduga, die Mitte hielt Mansfeld mit dem Fußvolk und 2 Geschützen. Hans, obwohl er am Tage vorher einen Marsch von 10 Meilen gemacht hatte, war zur Schlacht ganz frisch. Es gab sehr harte Arbeit, denn die Spanier, die keine Reiterei hatten, wandten sich gegen Mansfeld und warfen ihn dreimal zurück. Immer wieder rückte er zum Angriffe vor. Allmählich bekam Mansfeld Luft: die Reiterangriffe des -Herzogs, der immer vorauf stürmte und zweimal bis hinter die feindlichen Geschütze kam, alles niederreitend und niederhauend, brachten die Spanier ins Wanken. Als er zum dritten Male ein frisches Pferd bestieg, erhielt er einen Schuß durch die linke Hand, was ihn aber nicht zurückhielt. Von der anderen Seite bedrängte Ortenburg die Spanier, welche nun das Feld räumten und flohen. Gleich nach Mittag war die Schlacht gewonnen, alle Geschütze, die Bagage, 5 Wagen mit Geld und die Kanzlei fielen den Siegern in die Hände. In die Freude über den Sieg mischte sich die Trauer über viele gefallene Kameraden, das Embdesche und Isenburgsche Regiment svaren fast vernichtet. Als die Spanier vor Breda den Ausgang der Schlacht und den Anmarsch der verbündeten Feldherren erfuhren, hoben sie die Belagerung auf und suchten das Weite. Die Sieger von Fleurus und Retter von Breda wurden mit höchster Freude und Ehren aufgenommen; sie konnten nun ausruhen; nur der Herzog nicht. Schon am folgenden Tage umgaben alle rrommler und Bläser der Armee das Haus, in dem er wohnte, machten eine betäubende, ohrenzerreißende Musik, während drinnen die Ärzte dem Herzoge den linken Arm abnahmen. Niemand außen konnte ihn stöhnen oder klagen bören. Die Wunde in der Hand war unterwegs nicht beachtet, und der Brand batte schon den Arm erfaßt. Ein kunstsinniger holländischer Bauer aus dem Maaslande schenkte ihm einen eisernen Arm, dessen Hand sich bewegen und greifen konnte. Dem Spanier Spinola ließ er sagen, einen Arm hätte er verloren, aber den andern besäße er noch, um sich an seinen Feinden zu rächen. Der Feldwebel Warneke hatte bald Taler im Beutel mit der Inschrift: „Verlier' ich gleich Arm und Bein, will ich doch der Pfaffen Feind sein." Hans wurde in Breda dem Karpenzanschen Regimente zugeteilt und zog unter Mansfeld auf Umwegen mit nach Friesland, zog aber 1623 wieder beim Kniphausenschen Regiment durchs Eichsfeld und Westfalen, von wo der Herzog Christian vor Tillys Übermacht weichend sich nach Holland zu retten suchte. V^on Burgstainfurt aus ging es nach Westen auf Holland zu durch eine iiorastige Sumpfgegend, die von Sandwellen oder Landrücken durchzogen war. Nur eine Straße war vorhanden, die bei jedem Landrücken einen schmalen Durchweg ließ, was man einen Paß nannte. Solcher Pässe waren von Burg-Reinfurt (in Westfalen) bis Stadtlohn 8. Bei jedem Passe kam es zu Schar-nützeln, an denen Feldwebel Warneke hervorragend teilnahm, weil sein Oberst Kniphausen die Durchzüge zu verteidigen und zu schützen hatte. Der fünfte Paß war der gefährlichste, hinter demselben lag das unwegsame Lohner Bruch, lie Straße Imachte einen großen Bogen, Tilly konnte die Braunschweiger hier einholen und vernichten. Deshalb ließ der Herzog den Paß versperren. Er erwählte hierzu eine zuverlässige, todesmutige Truppe und einen klugen und tapferen Führer, nämlich Kniphausen, der seine Leute sich stark verschanzen ließ. Als am Abend die Wachen ausgeschickt wurden, ermahnte der Oberst selbst: „Haltet Ohren und Augen offen für uns alle, damit wir nicht überrascht oder gar überfallen werden." Hans zog mit auf Wache, neben ihm ging Thomas Günther aus Andreasberg, ein verwegener Bursche. Nördlich vom Passe, auf einem hohen Punkte des Landrückens mit weiter Fernsicht ließ Hans seine Mannschaft hinter dichten Ginsterbüschen lagern und stellte selbst 3 Einzelwachen als Vorposten aus. Die Nacht war finster, weit und breit nichts zu sehen, kein Lagerfeuer, kein Kirchturm. „Die Nacht von Amöneburg war bei aller Kälte doch schöner als diese Julinacht, nicht wahr, Dommes (niedersächsisch Dommes für Thomas)?" „Ja", antwortete Dommes Günther, „nur daß wir beinahe alle in dem dunkeln Keller stürzten und alle Röcke, an denen wir uns zu einer Kette angefaßt hatten, hinten knatterten, als unser Führer mit gewaltigem Rucke in den Schloßhof sprang, den Wachtposten zu packen. Und dann war die ganze Geschichte auch mehr spaßhaft, nicht so ernst kitzlich wie jetzt." „Nur keine Angst, Dommes, wenns Zeit ist, feste zupacken und schlagen wie der Blitz!" Gegen den Morgen faßte der Feldwebel plötzlich den Arm seines Nachbars und sah ihn erstaunt und fragend an. Dommes hatte verstanden. „Nichts", flüsterte er, „als ein Hahn im nahen Aahaus. Was Gutes ahne ich allerdings nicht, wenn's nur nicht der letzte Hahn ist, den wir hören." ,,Das war kein Hahn", entgegnete Warneke, ..dazu ist Aahaus auch zu weit. Die Unsern sinds auch nicht, die Armee ist längst auf dem Marsche." Alles war wieder ruhig. Als er sich nach seinen Vorposten umsah, fand er zwei nicht mehr. Ehe er sich dessen versah, wurde er von zwei Kroaten angegriffen, deren einen er >mit der Faust niederschlug und den andern erstach, Sie hätten ihn ja erschießen können, allein das hätte ihre Anwesenheit verraten. Da es ein wenig heller geworden war, bemerkte er, daß in einiger Entfernung große Haufen Kroaten den Landrücken überschritten hatten und daß andere wie ein großer Ameisenzug nachkamen. Kninhausen, nachdem er durch Hans diese Sachlage erfahren, warf sich ohne Zögern mit seinen Scharen auf die Kroaten, die in Verwirrung gerieten und zurückwichen: bald änderte sich aber die Sache, die Braun-Schweiger wurden von so viel Feinden umzingelt, daß sie an einen Sieg und ein Zurückhalten des Feindes nicht mehr denken konnten. Viele von ihnen lasen in ihrem Blute, viele wurden noch niedergehauen, nur ein kleinerer Rest schlug sich durch und entrann. Am folgenden Tage kam die Schlacht bei Stadtlohn, in der Herzog Christian völlig geschlagen wurde und alles verlor. Die verlorene Schlacht war für Kniphausen und seine wenigen ihm gebliebenen Getreuen nicht das Schlimmste, sondern das war das Schmerzhafteste für ihn und auch für seine Krieger, daß der Herzog ihm die Schuld gab an dem ganzen Unglücke. Sie mußten es sogar hören, daß man sie Verräter nannte. In Arnheim wurde der unglückliche Oberst gefangen gehalten, dann verurteilt und nach Schankenschanz gefahren, um dort enthauptet zu werden. Warneke war niedergebeugt, dem Verzweifeln nahe, er aß nicht, der Schlaf mied ihn. Nur das inständige Bitten der übrigen Obersten konnte des Herzogs Sinn mildern, besonders als man sichere Kunde hatte, daß ein Bauer aus der Nähe von Aahaus den Tillyschen einen sonst unbekannten Weg über den Landrücken gegen eine hohe Belohnung verraten hatte, Als sich Kniphausens völlige Lhischuld so herausgestellt hatte, kassierte der Herzog das Urteil und ließ ihn los. So schonend man aber nachher auch mit ihm verfuhr, so sehr man die großen Verdienste des taofern Kriegsmannes anerkannte und rühmend belohnte, er war nicht mehr froh, er schien der Frühere nur dann zu sein, wenn die wenigen Übriggebliebenen seines Regiments, mit denen er so viele Gefahren, Entbehrungen und harte Kämpfe durchgemacht, noch einmal um ihn standen. Unte;* diesen waren Hans Warneke, Konrad Barthauer und Dommes Günther.

Nach der Ablehnung entließ der Herzog seine Krieger, die zu 30 und 40 durchs Oldenburgische nach ihrer Heimat zogen. Das einfache, beschränkte Dorfleben gefiel dem viel umhergetriebenen Hans, der erst 27 Lenze zählte, nicht sonderlich. Nach Osterode durfte er sich nicht so recht wagen, weil dort eine Rotte war, die ihm nachstellte. Eines Abends drückte ihm der Hüttenludolf seine Verwunderung aus über den Haß der Osteroder und fragte nach der Ursache, wiewohl er sie der Hauptsache nach kannte. Hans erzählte: , Als ich vor 4 Jahren von Glausthal kam, wo ich 31/2 Jahr Leibkutscher und Leibdiener gewesen bin beim Herrn Oberberghauptmann Herrn Burghard von Steinberg, da wurde ich ja Kutscher in Osterode und habe die schöne Tlsa Lentfort öfter gefahren. Als wir einmal ganz allein von Herzberg zurückfuhren, bezeugte sie mir ihre Gunst so stark, daß ich sie umarmte und küßte. Sie legte ihre Arme um meinen Hals und küßte mich wieder, und so haben wir es auf dem Wege viele Male gemacht. Ein süßes, gewaltiges Gefühl drang in mich, wenn ich sie in meinen Armen hielt. Dann kam eine Angst, als wenn ich Unrecht getan hätte; denn sie war ein vornehmes, reiches Fräulein und ich ein armer Kutscher. Ich glaubte, der Scherz sei zu Ende, aber so dachte Ilsa nicht, sie zeigte mir sehr deutlich, daß sie eine ernste, tiefe Liebe zu mir hegte. Sie zeigte es viel deutlicher, als ich es wünschen durfte. Heimliche Zusammenkünfte verrieten uns, und ihre gestrenge Tante, um ein schnelles Ende herbeizuführen, brachte mich schnell um meine Stelle. Da ich aber die Stadt nicht gleich verließ, sondern noch tagelang bei Bekannten in der Weberstraße blieb, so ereignete es sich, daß eines Abends, als ich aus dem Wirtshause auf der Neustadt, wo ich ein schönes Glas Bier getrunken hatte, in der Dunkelheit in der engen Gasse, die von der Neustadt nach der Weberstraße hinunterführt, von fünf oder sechs Männern überfallen wurde, die mich derart mit schweren Knüppeln und andern Gegenständen schlugen, daß ich die Besinnung verlor. Wehren konnte ich mich nicht, denn 8 Fäuste hielten mich am Boden. Wie lange sie mich geschlagen, weiß ich nicht. Wie aus einem Traum erwachend, hörte ich mit einem Male, wie jemand sagte: „Er ist tot, wir wollen ihn nach seiner Wohnung tragen." Ich versuchte die Augen zu öffnen, doch nur mit dem rechten konnte ich sehen, das linke war zugeschwollen. Einer wollte mich anrühren, was mir so viel Schmerzen machte, daß ich stöhnte. „0, er lebt noch", riefen einige Stimmen. Aus der Unterhaltung vernahm ich, daß viel Blut auf dem Boden stand. Dann wurde ich behutsam auf einer Bahre zu meinen Bekannten getragen, die selbst dabei halfen. Der schlimmste Übeltäter an mir war ein gewisser Seegelken; ich weiß auch, wer die übrigen gewesen sind, und werde mit ihnen vielleicht einmal abrechnen können." „Und die kleine Gasse", fügte der Hüttenludolf hinzu, „heißt seit dem Tage die Meucheisgasse." „Ob sie von dem reichen Napp bezahlt worden sind, den Ilsa heiraten sollte, den sie aber durchaus nicht wollte, weiß ich nicht." Mit diesen Worten ging Hans fort, die Erzählung hatte ihn aufgeregt. Des öfteren sah er seine Kriegskameraden aus Nachbarorten, Pralle, Sötefleisch, Meino Warneke, Jürgen Schräder aus Münchehof, Herrn. Beichling aus Gittelde. Es wurde unter ihnen die Frage besprochen, ob sie sich wieder anwerben lassen wollten. Es war zu ihnen auch die Nachricht gedrungen, daß Herzog Christian und Mansfeld in England und Frankreich eine große Armee rüsteten für den Kurfürsten von der Pfalz.

Hans ging wieder in Dienst, aber friedlicher Art, nämlich zu seinem früheren Herrn, dem Oberberghauptmann Burghard von Steinberg in Clausthal, der ihn mit viel Freundlichkeit wieder aufnahm. In seinem Dienste lernte er hohe Herren vom herzogl. Hofe zu Zelle kennen, und ein großes Ereignis war es für ihn, daß sein Herr einst in Dienstsachen dorthin reisen mußte und ihn mitnahm. Je näher er dem Geburtsort seiner geliebten Ilsa kam, desto schwerer wurde es ihm, seine Aufregung zu bemeistern. Sobald er konnte, erkundigte er sich vorsichtig nach ihr und vernahm, daß sie Freier standhaft abgewiesen hatte, oft an Schwermut litt und daß man munkelte, sie hätte eine heimliche Liebe, und daß sie zur Zerstreuung verreist wäre. Ob-schon er bei klarer Überlegung große Hindernisse erkannte, hatte doch seine Phantasie sich in unbewachten Augenblicken mit einem Wiedersehen beschäftigt. Sein Herr merkte das, und Hans offenbarte ihm auf Befragen sein Geheimnis. Herr Burghard sagte nicht viel dazu, machte ihm aber auch keinen Vorwurf. Von der Zeit an überfiel ihn zeitweilig eine Unruhe, die sich vermehrte, als er in Clausthal erfuhr, wie einige seiner früheren Kameraden mit andern bewaffneten Landleuten sich zusammengetan und auf Parteigängerei gelegt hätten. Seinem Freunde Thielekarl erzählte er, daß er in einer schlaflosen Nacht geträumt habe, wie seine Osteroder Feinde ihn zu Pferde verfolgt und im Halbkreise gegen die Katzenklippen getrieben und hinter ihm ein Freudengeschrei erhoben hätten in der festen Meinung, daß er nicht mehr entwischen könnte. In dieser höchsten Not hätte er seinem Pferde mit seinem Mantel die Augen zugedeckt und es angespornt, daß es mit einem großen Satze über die Klippen gesprungen wäre. Das Tier wäre unten zerschellt und tot liegen geblieben, ihn aber hätte ein starker Wind erfaßt, der in seinen weiten Mantel wie in ein Segel geblasen und ihn weit über die Söse weggetragen und unversehrt ins Feld gesetzt hätte. Durch seinen Herrn wurde er gewahr, welche Grausamkeiten das Hubertsdorfsche Regiment in und um Einbeck verübte, daß die Tillyschen aus Ellierode bei Hardegsen die Kirchenglocken geraubt, aus anderen Kirchen Kelche und Leuchter mitgenommen, wie sie in einzelnen Haufen bis nach dem Harze hinstreiften. Gleich nach Jahresanfang 1626 bei ziemlicher Kälte besuchte ihn Beschan Pralle aus Hammensen, der viele Kriegesneuigkeiten mitbrachte, besonders die, daß der Kaiserliche Oberst Holk schon nahe bei ihrer Heimat wäre, grausame Spanier führte und daß er sowie 7 andere «einer ehemaligen Kriegskameraden sich mit einer großen Zahl Landleute verbunden hätten, jene furchtbaren Räuber zu vertreiben, ihnen Beute abzujagen und an ihnen Vergeltung zu üben, und daß er nun gekommen wäre, ihn mitzunehmen, damit er ihrem Bunde beiträte. Als Hans Einwände machte, stellte Beschan ihm vor, daß der Herzog Christian selbst die Bauern auf der andern Harzseite von Goslar bis gegen Wolfenbüttel hin bewaffnet und aufgefordert hätte, sich zu wehren gegen Tillysche und Kaiserliche. Er brachte es dahin, daß Warneke versprach, bis zu einem gewissen Tage da zu sein. Das Versprechen wurde gehalten und so wurde Hans ein Harzschütze. In der Zwischenzeit hatten die Spanier unter Holk sich nach Gittelde gelegt und suchten die Umgegend heim mit Plündern, Rauben, Schänden, Morden, Sengen. Das erste Unternehmen, an dem Hans sich beteiligte, war ein Besuch in Grund. Am 10. Februar 1626 war ein Haufe Spanier unter der Führung eines wegekundigen Maultiertreibers von Gittelde aufgebrochen und hatte Grund überfallen. Am andern Tage wurde dieses in der Umgegend bekannt durch Flüchtlinge. Die Harzschützen, etwa 30 Mann, zogen über Badenhausen durch die Wälder. Von einem Berge sahen sie einzelne Häuser in Flammen, und aus besserer Nähe drang zu ihnen ein großes Lärmen und ein Schreien von Männern, Weibern, Kindern, dazwischen das Bellen von Hunden. Einzelne von ihnen mußten nun zu erspähen suchen, ob noch viele Spanier in der Stadt wären. Das Feuer breitete sich immer mehr aus, es brannte schließlich die ganze Stadt. Sie brachten in Erfahrung, daß die Hauptmenge der Feinde mit reicher Beute abgezogen, die übrigen noch beim Plündern und Brennen waren, in geringer Zahl, weil fast sämtliche Häuser brannten. Einer von ihnen brachte die Nachricht, daß in einem Hause unten bei der Glückhof-Eisenhütte Spanier sein mußten, aus dem Hause kam ein jämmerliches Geschrei. Die Hütte Glückhoff lag einsam, bot also weniger Gefahr, 10 Mann begaben sich dahin. Sie sahen, wie Spanier beutebepackt den steilen Gittelschen Berg hinaufkletterten. Hans und zwei andere gingen an den Eingang des bezeichneten Hauses. Zwischen dem Schmerz-geschrei eines Weibes wiederholte jemand immer die Frage: „Wo ist Gold, Silber?" Eine andere Stimme ermunterte, das Versteck anzugeben. Hineinblicken, den andern ein Zeichen geben, einen schweren Schlag ausführen, war für Warneke eins. Ein Spanier, den er getroffen, lag in den letzten Zügen, der andere war unter den Händen seiner Begleiter gefallen. „Der Mauleseltreiber", meinte Sötefleisch, der mit den übrigen herbeigeeilt war, „kann uns gefährlich werden, weil er uns kennt." Kaum waren die Worte gesprochen, als die anderen den Eseltreiber erschlugen. Zwei weitere Spanier, die oben im Hause rumort hatten und nun herunter kamen, ließen, als sie sahen, wie es im Hausflur stand, ihre Beutestücke fallen und flohen zurück. Einige Harzschützen folgten ihnen und kamen wieder mit der Angabe, daß die da oben genug hätten. Vor dem Hause standen zwei Maulesel und ein Pferd, mit schweren Säcken beladen; die Tiere wurden ungesäumt in Sicherheit in den Wald geführt. Eine besser gekleidete Frau, die ohnmächtig niedergestürzt war und nun wieder zu sich kam, bat kniend um Schutz. Daumen und Mittelfinger der rechten Hand wurden ihr verbunden, Sötefleisch gab ihr etwas zu essen, dann schickten sie sich an, zu gehen; aber die Frau rief flehentlich: „Nehmt uns mit, mein Mann liegt da im Zimmer." Hans öffnete, da lag ein Mann, anscheinend tot und mit den Spuren schwerer Mißhandlungen. Man erkannte in ihm den Eisenfaktor, der sonst in der Stadt wohnte. Um sich keiner Gefahr auszusetzen, begaben sich die Zehn wieder zu ihren Kameraden, die unterdessen auf Kundschaft gewesen waren, auch spanischen Nachzüglern Beute abgenommen hatten und sich über die drei beladenen Tiere freuten. Hans erzählte, wie der eine Spanier die Frau des Faktors gehalten, der andere ihr mit einem spitzen Eisen den Nagel des rechten Mittelfingers durchbohrt und der Eseltreiber sie unsittlich gekitzelt hätte, um sie zu zwingen, zu gestehen, wo ihr Geld und Schmuck versteckt wäre. In das klagende Schreien der Frau hätten sie ihr höhnisches Lachen gemischt. Das übrige berichtete Sötefleisch. Einer der andern beschrieb das Innere der Stadt, so weit er sie in Eile und mit Vorsicht betreten. Vor den brennenden Häusern sah man allerlei zertrümmerten Hausrat, dazwischen schrecklich zugerichtete Leichen, wimmernde Kinder, einige brüllende Kühe, die ihre Ställe suchten. Viele Einwohner waren in die brennenden und rauchenden Wälder geflohen. Während der nächsten Kriegsereignisse in der Nachbarschaft, des Aufenthaltes Tillys in Osterode und Clausthal, der grauenhaften Verwüstung von Zellerfeld am 20. März 1626, der Verbrennung von Katelnburg am 16. April unternahm Hans von Eisdorf, wie man anfing, ihn allgemein zu nennen, persönlich wenig, obgleich die Harzschützen ihn nebst Hans Meyer aus Düderode und Konrad Barthauer zu Führern gewählt hatten. Übrigens wurde Tilly Abbruch getan, wo es ging, Nachzügler und kleinere plündernde Haufen verfielen den Feuerrohren oder Schwertern der Harzschützen. Dabei leisteten die Landleute durch gewissenhaften Nachrichtendienst bedeutsame Hülfe. Die Bauern wurden allmählich durch das Plündern und Fouragieren feindselig gegen alle Soldaten, nur die Harzschützen waren ihre Freunde. Diese schenkten den Bauern alle erbeuteten Pferde unter der Bedingung, daß sie dieselben im Notfalle zur Verfügung hätten. In die Dörfer gingen sie zeitweilig nicht gern, weil vielerorten die Pest herrschte. In Wäldern und Höhlen hatten sie Schlupfwinkel. Hans von Eisdorf hatte einen solchen oberhalb seines Heimatortes im Helmoldswinkel in dichtem Walde bei einer schönen Quelle, die seit jener Zeit Hansborn heißt. Der Zugang zu diesem heimlichen Orte war noch besonders erschwert durch einen breiten, doppelten, dichten Schutzdorn. Hier errichtete er eine feste Hütte, verwahrte aber seine Beute, besonders Geld, etwa acht Minuten davon entfernt an der Wedekinds-breite, die mit einzelnen mächtigen Eichen und viel Dorngestrüpp bewachsen war.

Ein anderer Schlupfwinkel war in Lichtenstein, ein dritter in einer Höhle bei Weißenwasser. Viel Beute erwischten sie von den Soldatenhaufen, die von Göttingen her in der Umgegend von Hardegsen, Nörten, Northeim und Salzderhelden plünderten. Vor Göttingen lag im Juni mit seinen Scharen der Graf .Fürstenberg. Im 20. Juni 1626 kam die Kunde von dem am 16. Juni erfolgten Tode des Herzogs Christian. Am 25. Juni versammelten sich über hundert Harzschützen und viele Bauern aus der Umgegend am Königsstein auf dem Pagenberge. Hans von Eisdorf stieg auf den Felsen und entrollte in längerer Rede ein klares Bild von des Herzogs verdienstvollen Taten und Kämpfen für die Erhaltung des evangelischen Glaubens, rühmte seine große Tapferkeit, forderte auf, seinem leuchtenden Beispiele nachzueifern, die Feinde zu bekämpfen, wo es ginge. Darauf folgte ein stilles Gebet, und zum Schluß wurde gemeinschaftlich gesungen „Gott der Vater wohn* uns bei.- Man ging nicht gleich auseinander, lagerte vielmehr im Schatten großer Buchen, wo der Hauptgegenstand des Gesprächs der Tod des Herzogs war. Man wußte, daß er am Bandwurm gestorben war, daß auch gemunkelt würde, er wäre an langsam wirkendem Gifte zu Grunde gegangen, daß aber die Ärzte in Wolfenbüttel den Bandwurm wirklich gefunden hätten. Wie ein Lauffeuer ging auch die Neuigkeit um, daß die Jesuiten den Katholischen einzureden suchten, der Herzog hätte einen Teufel im Leibe gehabt, der seine Gedärme zerrissen hätte. Als einer anhub „Ein feste Burg ist unser Gott", fielen alle mit ein. Manchen ehemaligen Mitkämpfer des Herzogs ward es weich ums Herz bei dem Liede, mit dem sie früher oft in den Kampf gegangen waren. Die Feier am Königsstein benutzten Warnekes Feinde in Osterode, um ihn bei der Gelleschen Regierung anzuschwärzen; denn der Herzog von Celle, dem seit dem Herbst 1617 auch Grubenhagen gehörte, hatte sich durch den Kaiser Ferdinand II. einschüchtern lassen und tat nichts, seine Untertanen vor den Grausamkeiten Tillys, Fürstenbergs und anderer zu schützen. Durch diese verkehrte Politik wurden die Harzschützen wider Willen auch Feinde der Dänen, die gegen Tillv herbeikamen. Am 16. August schlugen diese die Tillvschen zurück von Northeim bis Nörten, dann aber bekam Tilly Hülfe von Wallenstein, 32 Cornet Reiter und 2 Regimenter zu Fuß unter Dufour. Der König Christian IV. von Dänemark eilte nun vom Eichsfelde zurück ins Sösetal und wollte, ohne eine Schlacht anzunehmen, Wolfenbüttel erreichen. Vor Nienstedt warfen die Dänen Schanzen auf, aber ihr Versuch, Tillv. der in Dorste genächtigt hatte, aufzuhalten, mißlang. Tilly verbrannte die Silberburg, die Nienstedter Kirche samt den wenigen Bauernhütten, die dabei standen. Vor Eisdorf kam sein Zug wieder ins Stocken, weil die Dänen sich im Engpasse des Heinrichswinkels bei der Stauffenburg stark verschanzt hatten und ernsten Widerstand leisteten. Die Soldaten durchsuchten die Häuser von Eisdorf, brachten heraus, was raubenswert war, dann steckten sie Kirche, Pfarre, Schule und das übrige Dorf in Brand. Im Pfarrhause verbrannten alle Papiere, Akten und Dokumente, der geflüchtete Prediger Andreas Schmiedekind hatte sie zurückgelassen. Eine Abteilung Tillyscher lagerte eine Nacht bei Eisdorf südwestlich von der brennenden Kirche hinter zwei gleichfalls brennenden Bauernhäusern an der Stelle, wo später ein Kirchhof war und die seitdem „an den Lägern" benannt wird. Die Einwohner von Eisdorf wurden durch Hans früh genug belehrt und flohen mit ihrer besten Habe und ihrem Vieh tief in die Wälder des Harzes, wo sie längere Zeit bleiben mußten. Hans unterstützte sie, wo er konnte, auf die uneigennützigste Weise, vor allem durch Beschaffung von Proviant. Ihr Dorf war vorläufig nicht bewohnbar, weil nur sieben Gebäude, darunter Scheunen und Ställe mitgezählt, stehen geblieben \v;aren. Das Unglück, die nachfolgende Not, die treue Fürsorglichkeit der Harzschützen übten auf die Seelen dieser Dorfleute einen guten Einfluß. Sie vergaßen Neid und Mißgunst, durch herzliche Teilnahme und gegenseitige Hülfe wurde ihre Trübsal erträglicher. Auch Gittelde wurde verwüstet Und verbrannt. Die Verteidiger des Engpasses wurden fast alle getötet, wenige gefangen genommen, ihr braver Führer Oberst Hodiriara später gegen schweres Lösegeld freigegeben.

Während des ganzen Zuges von Wulften und Lindau über Dorste durchs Sösetal bis Seesen und Hahausen waren die Harzschützen stets zur Seite der beiden Heere. Alle Nachzügler, Versprengte, auch solche, die sich Plünderns halber vom großen Haufen getrennt, wurden von ihnen ergriffen und ausgeraubt. Einen Rittmeister von Adelebsen, der sich in Osterode verzögert hatte, den Tillyschen in die Hände gefallen und ausgeraubt wa,r, der dann aber durch die Schlauheit seines Dieners das Seinige, insbesondere seine Pferde wieder erlangt hatte, ließ Hans von Eisdorf in freundlicher Weise auf Umwegen am Tillyschen Heere vorbei nach dem Galgenberge bei Seesen geleiten, wo er die Seinen lagernd wiederfand. Bis Walmoden und Lutter gingen unsere Harzschützen nicht, weil an der anderen Seite des Harzes bewaffnete Bauern dasselbe Geschäft wie sie betrieben. Eines Tages sahen die Eisdorfer, wie Hans unterhalb des Dorfes im Ausflusse des Goldbaches in die Söse angelte. Auf den Zuruf: „Hans, hier fängst du nicht viel", antwortete er: „Was ich hier nicht fange, das fangen meine Leute im Henricks-winkel (bei Stauffenburg) oder auf der Hube (bei Einbeck)". Im Monat März 1627 griffen die Harzschützen in der Nähe der Güntgenburg Boten des Bürgermeisters Hans Krumauge von Moringen auf, die eine bedeutende Geldsumme nach Northeim bringen isoIlten. Hans von Eisdorf ließ sie unberaubt und sicher bis vor die Tore der Stadt bringen, wohingegen die Moringer ihnen später versprachen, stets freien Durchzug lind unentgeltlich Proviant zu gewähren. Als sie bald darauf in der Nähe von Einbeck Fürstenbergsche Kommissare fingen, raubten sie dieselben vollständig aus. Daß die Harz-schützen auch bedeutende Freunde und Beschützer hatten, beweist ein Schreiben des Grafen Solms an den Rat zu Einbeck mit diesem Inhalte: Da einige gute Patrioten und Verteidiger des Vaterlandes, Harzschützen genannt, welche bisher zu Einbeck guten Aufenthalt und Sicherheit gehabt, jetzt zur Haft gebracht seien, so ersuche er im Namen Sr. Königl. Majestät, diesen treuen Patrioten auch fernerhin, wenigstens connivendo (d. h. ein Auge zudrückend) ihre Wohlgeneigtheit zu bezeigen, ihnen sichern Paß und Repaß in und aus ihrer Stadt zu verstatten und gegen Bezahlung die Notdurft verabfolgen zu lassen, insonderheit aber die bis dahin Angehaltenen loszugeben. Hans von Eisdorf hatte sich in das Harzschützenleben hineingewöhnt. Er gefiel sich darin und kam sich vor wie ein großer Kriegsherr. Noch viel Schaden hätte er den katholischen Heeren zufügen können, denn der Krieg dauerte noch 21 Jahre bis 1648; aber seine Liebschaft mit der schönen llsa oder vielmehr die Folgen dieser Liebschaft bereiteten für ihn eine verhängnisvolle Wendung seines Schicksals. Seine österoder Feinde konnten ihm nicht verzeihen, sondern drohten und warteten nur auf Gelegenheit, ihn aus dem Wege zu schaffen. Hatte er in der Stadt noch Freunde und Gönner gehabt, hatte ein größerer Teil der Bürger sich gleichgültig gezeigt und die Geschichte betrachtet wie andere Liebesgeschichten, so wurde die ganze Stadt feindselig gegen ihn, als am zweiten Pfingsttage 1627 seine Leute den Bürger Andreas Seegelken, mit welchem sie hinter den Kalkklippen auf dem Wege nach Förste erst in Wortwechsel geraten waren, mit den Worten: „Du hast unsern Hauptmann geschlagen und getreten, da hast du deinen Lohn!" ergriffen und erschlagen hatten. Der Unwille stieg noch höher, als bald darauf Hans mit etwa 150 Harzschützen sich oberhalb der Freiheit neben der alten Harz-chaussee lagerte und aus der Stadt Brot, Bier und Wein holen ließ, ohne zu bezahlen. Er wußte, wie feindselig man gegen ihn war, daß es nur der Gelegenheit bedurfte, um ihn zu verderben; aber er fürchtete sich nicht. Seine unerschrockene Keckheit brachte ihn beim nächsten Österoder Markt zu Falle. Der Markt dauerte immer von Sonntag Nachmittag 3 Uhr bis Dienstag Nachmittag 3 Uhr. Dienstag nachmittags 3 Uhr wurde mit der großen Glocke der Marktkirche der Markt ausgeläutet. Während der Markt-zeit herrschten Marktfreiheit und Marktfriede, jeder durfte in die Stadt kommen, niemandem durfte ein Haar gekrümmt werden. Ein Markt in jener Zeit war bedeutsamer, größer, lebhafter als heutzutage; es waren weit mehr Gäste von nah und fern, viel mehr fahrendes Volk, Gaukler vorhanden, alle Herbergen lagen voll. Daran wollte Hans von Eisdorf sich belustigen, auch sich am schönen Österoder Bier einmal recht laben. Am Dienstag vormittag ritt er mit nur einem Begleiter in die Stadt, stellte seine beiden Pferde in der großen Herberge auf der Neustadt ein und begab sich auf den Markt. Der Wirt auf der Neustadt hatte großen Schrecken bekommen, als er in dem stolz geharnischten und feinen Reiter Hans Warneke erkannt hatte. Auf dem Markte war er kaum erschienen, als ein scheues Flüstern durch die Menge ging: „Hans von Eisdorf ist da. Wo, wo, wo?" Man hörte nicht mehr die Musikanten, man sah den Quacksalber nicht mehr, den Wunderdoktor, der schreiend seinen Trank ausbot, der jegliche Sucht und Gebresten heilte, man schob, drängte, knuffte, um Hans von Eisdorf zu sehen. Hans merkte und sah es, er fühlte ein Mißbehagen darüber und suchte bald wieder seine Herberge auf. Auf dem Wege dahin hatte er einen Schwärm Menschen hinter sich, und als er drinnen war, suchte die Menge von der Straße aus ihn zu erspähen. Er drückte sich deshalb hinter einen Tisch in eine Ecke, wo er nach außen weniger sichtbar war. In dem Zimmer wogte es von Osterodern, er sah auch bedrohliche Mienen. Deshalb beschloß er, das Ende des Marktes nicht abzuwarten, sondern alsbald die Stadt zu verlassen. Da hörte er die große Glocke des Marktturmes, trotzdem es erst 12 Uhr mittags war. Sein Pferd stand schon Vor der Tür, er bezahlte und erhob sich, um zu gehen. In diesem Augenblicke sprangen 6, 7 Männer herzu, rannten ihm den Tisch auf den Harnisch, daß er zurücksank; andere sprangen auf Tische und Bänke, und viele Hände hielten ihn fest, er konnte sein Schwert nicht ziehen. Seine Häscher, anfangs noch furchtsam vor dem furchtbaren Hans, als sie sahen, daß der starke Mann sich nicht mehr wehren konnte, fingen an zu lärmen, zu fluchen, zumal er an Händen und Füßen festgebunden wurde, sie taten, als ob jeder von ihnen allein Hans überwunden hätte. Draußen war Hansens Diener, den man in der ersten Aufregung nicht beachtet hatte, nachdem er die Nutzlosigkeit jedes Widerstandes eingesehen, mit den Pferden durch das noch offene Tor entkommen. Aus der Herberge brachte man Hans in sicheres Gewahrsam auf das Rathaus, und das war gut, dort ging man mit ihm ruhiger um. Weil gefürchtet wurde, daß die Harzschützen etwas unternähmen, ihren Führer zu befreien, ließ man ihn schleunigst ganz in der Stille nach Gelle schaffen. Die Harzschützen bedauerten das Unglück ihres Führers, taten sich in der Folge noch vielfach hervor im Kampfe mit Feinden, übten aber keine Rache an den Osterodern. Nach einiger Zeit wurde neben der alten Lindenallee vor Osterode, die den schönen Namen Wagelos schon damals trug, an einem Galgen von einem menschlichen Körper eine Lende mit Bein und Fuß aufgehängt, und da hieß es, diese Gliedmaßen seien von Hans von Eisdorf, der in Gelle verurteilt und gevierteilt wäre, und sollten hier zur Abscheu und Warnung dienen. Die Harzschützen sagten dazu nichts. Anderthalb Jahre waren verflossen, die meisten Leute dachten im steten Wechsel des Kriegsunglücks an Hans von Eisdorf nicht mehr, da kamen Söldner aus Holland zurück, ehemalige Kriegskameraden von Hans Warneke, die die Neuigkeit mitbrachten, daß sie vor ihrem Aufbruche aus Holland Hans Warneke wohlbehalten gesehen und gesprochen hätten, daß er dort mit seinem ehemaligen Obersten Karpenzan gegen die Spanier kämpfte und daß er mit einem Eide versprochen hätte, nie in seine Heimat wieder zurückzukehren.

Er war unverheiratet geblieben. Von verborgenen Schätzen, die in seinem Hause vermutet wurden, fand sich nichts. An der Stelle dieses Hauses steht jetzt ein anderes mit der Hausnummer 49. Ein Menschenalter später wurde die Wedekindsbreite in Ackerland umgewandelt; von den umgehauenen Eichen erwarb ein Einwohner von Eisdorf einen Stamm, in dem er die Beuteschätze Warnekes vermutete. Er hatte nicht geirrt, denn als er den Baum zerschnitt, fiel Geld heraus. Nach der Schätzung anderer soll viel darin gewesen sein.

Archiv OKA (Auszug)

Schon seit Ende März 1945 zogen Kolonnen von deutschen Soldaten, zu Fuß und motorisiert, durch die Stadt. Der Strom der Soldaten ebbte nicht ab. Im Gegenteil, von Tag zu Tag schwoll er an, und Fahrzeuge wie auch Pänzer durchfuhren die engen Straßen in Richtung Freiheit.

Inzwischen war auch ein Pionier-Kommando erschienen, welches die Aufgabe hatte, die über die Söse führenden drei Brücken zur Sprengung vorzubereiten. Lastwagen fuhren an die Brücken, und die Sprengstoffkisten wurden auf die Brücken gesetzt. Auf der Johannistor-Brücke standen auf allen vier Ecken je 20 Kisten mit Sprengstoff. Der Leutnant, der die Arbeiten beaufsichtigte, erteilte den Befehl, die Anwohner der Johannistorstraße, der Johannisvorstadt bis zur Katholischen Kirche und die Bewohner der Scheerenberger Straße vom »Alten Schützenhaus« bis zum Rauchhaus aufzufordern, vor der Sprengung die Fenster in den Häusern zu öffnen und sich selbst in die Keller zu begeben. Es ist nur gut, daß keiner der Bewohner der genannten Grundstücke im Hause verblieb, denn der Tod wäre ihnen bestimmt gewesen. Wie es dann zur Sprengung der Brücken kam, soll später geschildert werden.

In den Gipsbergen bei Petershütte sollte 1944/45 ein unterirdischer Rüstungsbetrieb gebaut werden

Viele ältere Einwohner werden sie noch kennen: Die Stollen des geplanten unterirdischen Rüstungsbetriebes in Osterode/Petershütte. Während des zweiten Weltkrieges dienten sie in den letzten Kriegstagen (ab 9./10. April 1945) vielen Einwohnern aus Osterode, Petershütte, Lasfelde und Katzenstein als bombensichere Unterkunft. Am 11. April 1945 gegen 14 Uhr kamen die ersten amerikanischen Panzer aus Richtung Dorste über die Northeimer Straße nach Osterode. Gleichzeitig kam ein anderer amerikanischer Verband über den Westerhöfer Wald, über Nienstedt, Eisdorf und Badenhausen in die Ortschaften Lasfelde, Petershütte und Katzenstein.

Die größte Angst der Einwohner bestand damals darin, daß ein Angriff oder eine Eigensprengung der deutschen Wehrmacht den Damm der Sösetalsperre zerstören könnte. Dadurch wäre eine Flutwelle ausgelöst worden, die die Stollen überflutet hätte und die Menschen wären im Stollen ertrunken.

Nachdem 1943 die alliierten Streitkräfte die Luftüberlegenheit über Deutschland gewonnen hatten, versuchten sie, die Industriebetriebe zu zerstören. Besonderer Wert wurde dabei auf die petrochemische Industrie, unter anderem Leuna- und Buna-Werke, gelegt. Dadurch war die Produktion von Kraftstoff und Schmiermitteln stark beeinträchtigt. Deshalb versuchten die Nationalsozialisten, diese Produktionsbetriebe unter die Erde zu verlegen. Der Harz war durch seine zentrale Lage in Deutschland bestens geeignet für die Anlage von Rüstungsbetrieben. Eines der ersten Werke, das hier entstand, war das Werk „Kuckuck" in Niedersachswerfen (bei Nordhausen) mit einer Fläche von etwa 30 000 Quadratmetern in unterirdischen Stollenanlagen.

In Petershütte sollten Stollen in den Berg getrieben werden, die ein Hydrierwerk (Shell-Rhenania-Ossag, Hamburg) für Treibstoffe und Schmiermittel aufnehmen sollten. In einem anderen Bericht wird die Firma ESSO, HH-Fuhlsbüttel genannt. Die Vorbereitungen für das Werk wurden schon im Spätsommer 1943 getroffen, nachdem alliierte Luftangriffe mehrere petro-chemi-sche Werke schwer getroffen hatten. Zunächst wurde eine dreigleisige Schienenanlage vom Osteroder Hauptbahn-hpf zur Petershütter Allee und zurück über die heutige Waagelose zu den Gipsbrüchen verlegt (Normalspur, Reichsspur, Mittelspur, Schmalspur, Kreisbahn). Gleichzeitig wurde mit dem Bau von zwei Barackenlagern in Fertigbauweise an der Söse und im Bremketal (etwa drei Kilometer östlich von Petershütte) begonnen. Zu den Vorbereitungen zum Bau dieses Werkes gehörte es, die Mächtigkeit des Gesteins Anhydrith festzustellen. Dazu wurden waagerechte und senkrechte Bohrungen mit etwa zehn Zentimeter Durchmesser auf der unteren, mittleren und oberen Sohle vorangetrieben. Noch heute, nach jahre-langem Gipsabbau, sind die Bohrlöcher auf allen Sohlen zu erkennen.

Für die Erschließung des Werkes wurden zwei Betonbrücken gebaut. Die erste Brücke befand sich bei der jetzigen Firma Kamax, die zweite Brücke führte in der Mitte des Barackenlagers über die Söse. Noch heute sind die Reste von Brückenteilen zu sehen. Unterhalb der Firma Kamax befand sich eine Behelfsbrücke für die Gleisanlagen. Eine Fußgängerbrücke aus Holz wurde gegenüber des alten Kupferhammers in Petershütte errichtet.

Die Anlage sollte 15 Stolleneingänge umfassen, die parallel zueinander in den Berg hineinlaufen sollten. An den Stollenenden war ein großräumiger Tunnel für zweigleisigen Schienenverkehr geplant. Es wurden aber insgesamt nur neun Stollen vorangetrieben. Stollen 1 wurde als Doppelstollen angelegt, der nach links abzweigte.

"Im Petershütter Lager waren 300 Häftlinge untergebrachte"

In Stollen 3 mündete ein Rolloch. Dort wurde das herausgesprengte Gestein aus der Kammer, die sich über Stollen 4 und 5 befindet, abgekippt und herausbefördert. Außerdem befand sich in der Decke dieses Stollens eine weitere, schräg nach oben führende Öffnung, die wahrscheinlich als Lüftung dienen sollte. In Stollen 4 befanden sich zwei Aufstiegsschächte in den oberen Bereich. Beide Schächte waren mit Holzgerüsten ausgebaut, in denen sich eine Wendeltreppe befand. Ebenso in Stollen 5, wo man heute noch den Holzausbau sieht. Außerdem waren Stollen 3 und 4 mit einem Querabschlag verbunden. Zwischen Stollen 5 und 6 war ein Querabschlag, in dem sich der Generator für die Stromerzeugung befand (vorläufig, da die Anlage für das gesamte Werk nicht ausgereicht hätte). Der Querabschlag war von beiden Seiten ummauert und mit Holztoren verschlossen. In Stollen 7 sind noch heute die Befestigungspunkte für die Beleuchtung und Druckluftleitungen vorhanden. Die Stollen 2 bis 7 waren im mittleren Teil mit einem Querabschlag verbunden. Es wurden dann nur noch die Stollen 12,13 und 14 vorangetrieben, wobei der Stollen 13 am längsten war und mit einem Ansatz eines Querabschlages nach Stollen 14 versehen ist. Bis zum Kriegsende war nur dieses Stollensystem in diesem Umfang fertig. Eine Produktionsanlage war noch nicht eingebaut.

Es war geplant, den Querschnitt der Stollen im hinteren Bereich zu vergrößern. Außerdem sollten Kavernen zur Aufnahme der Kessel für die Hydrieranlage gesprengt werden. Zur Ableitung der bei der Produktion entstehenden Wärme sollten schräge Abluftschächte entstehen. Das im Stollen abgebaute Gestein wurde vor den Stollen parallel zur Söse wie ein Schutzdamm aufgeschüttet. Die Arbeiten wurden im Oktober 1944 aufgenommen. Bis März 1945 waren von der geschätzten Abtragung von 230 163 Kubikmeter (fest) nur 40 000 Kubikmeter abgetragen worden, was einer Sohlenfläche von 8000 Quadratmetern entspricht. Die Kosten für den Stollenausbau waren mit acht Millionen Reichsmark veranschlagt. Bis zum Abbruch der Arbeiten wurden davon 2,2 Millionen Reichsmark verbraucht.

Neben der bereits erwähnten Gleisanlage, die zur Erschließung des Geländes diente, begann man mit dem Bau einer Trasse für eine Eisenbahnverbindung, die vom Osteroder Hauptbahnhof über Petershütte und Lasfelde zur Stollenanlage führen sollte. Im Kurvenbereich in Lasfelde sollte die Anlage für Rangierarbeiten zweispurig verlaufen. Zum Kriegsende waren die Fundamente für eine Brücke über die Söse bereits fertiggestellt. Der Brückenbelag war provisorisch mit Bohlen hergerichtet. Die Anlage sollte dann mit einem eigenen Stollen die Werksanlage zweigleisig an den Stollenenden verbinden. Die Bauleitung für diese Anlage hatte die SS-Bau-brigade 2, Lager Osterhagen.

Lager 1 befand sich in Petershütte an der Söse in unmittelbarer Nähe der Stollen. Es bestand aus zehn oder elf Baracken, die aus vorgefertigten Teilen errichtet wurden. In diesem Lager waren etwa 300 KZ-Häftlinge untergebracht, die aus dem KZ Mittelbau Dora aus Nordhausen nach Petershütte verlegt wurden. Meistens handelte es sich dabei um russische Staatsangehörige. Obwohl das Lager bereits einige Monate fertiggestellt und bewohnt war, wurde es in Unterlagen am 25. November 1944 erstmalig erwähnt Dieses Lager war von einem doppelten Stacheldrahtzaun umgeben. Der innere war stromführend. Zur Jahreswende 1944/45 wurde ein Häftlingskrankenhausbau errichtet. Lager 2 befand sich etwa drei Kilometer östlich von Petershütte im Bremketal. Es bestand ebenfalls aus vorgefertigten Teilen. Jedoch weiß niemand mehr, wieviel Baracken es dort waren. In diesem Lager waren zwangsverpflichtete Arbeiter untergebracht. Das Gelände war nicht eingezäunt. Es erhielt ebenfalls zur Jahreswende 1944/45 einen Krankenhausbau.

Die Insassen der beiden Lager mußten die gleiche Arbeit verrichten. Es wurde rund um die Uhr gearbeitet, nur der Sonntag war frei.

Beide Lager wurden am 21. März 1945 geräumt. Die KZ-Häftlinge und die Zwangsarbeiter kamen nach Nordhausen und Niedersachswerfen. Ein Großteil der Menschen, die in das dortige Außenkommando in die Boelcke-Kaserne kamen, kamen am 4. April 1945 durch einen Bombenangriff der englischen Luftwaffe ums Leben, das Schicksal der Überlebenden ist unbekannt. Nach der Räumung der Lager blieb keine Zeit mehr, die bereits vorhandenen Versorgungseinrichtungen zu demontieren (Stromversorgung, Kompressorhaus vor dem Stollen, Gleisanlagen). Das taten die Engländer nach Kriegsende.

Beim Abbau der Versorgungseinrichtungen wurden große Mengen von Öl abgelassen. Die Einwohner holten sich nach Kriegsende dieses öl, um es als Speiseöl zu verwenden (Öle und Fette waren zu der Zeit sehr knapp). Es war nur ein kurzer Versuch, die Menschen vertrugen das öl nicht. Nach dem Krieg wurden beide Lager als Auf nahmelager für Flüchtlinge aus dem Osten eingerichtet. Bis nach 1965 wurde das Lager an der Söse noch teilweise bewohnt. Einige Baracken waren bereits abgerissen. Das Lager im Bremketal wurde noch bis Anfang der 80er Jahre bewohnt.

Einer der Stollen wurde nach dem Krieg als Champignon-Zuchtanlage genutzt. Diese Zuchtanlage wurde aber nur für kurze Zeit betrieben. Immer wieder stieg der Grundwasserspiegel, so daß die Feuerwehr mehrmals zum Leerpumpen kommen mußte. In der Mitte der 60er Jahre gab es noch einmal eine große Aufregung um die Stollen. Man vermutete, daß ein Nazischatz in den Stollen versteckt ist. Bundeswehr und Kripo durchsuchten die Stollen. Die unter Wasser stehenden Teile wurden leergepumpt. Gefunden wurden ein paar alte, verrostete Stahlhelme. Die ganze . Suche erfolgte auf eine Falschmeldung v, eines Agenten aus der ehemaligen DDR.

 

Junger Soldat erinnert sich: „Mit einmal brach die Hölle los'

Osterode (in). „Da, mit einmal brach die Hölle los! Der Explosionsknall der Brücke war zu hören, die Sprengung war ausgelöst. Und Sekunden später rauschte ein Schwall von hochgeschleuderten Steinbrocken auf die Umgebung nieder. Auch auf den Panzer prasselte das Inferno nieder, von manchen Brocken bekam der Leutnant etwas ab, aber mehr als blaue Flecke verursachten sie nicht. Dann war der Spuk vorbei, es wurde still — eine Friedhofsstille".

Heute vor genau 40 Jahren erschütterten starke Detonationen die ganze Stadt, erlebte der damals 20 Jahre alte Soldat Hans-Hermann Gross als Mitglied einer Pioniereinheit mit, wie sein Pionier-Chef mit zwei Tonnen „Donnarit" die Johannistorbrücke in die Luft jagte. Der junge Soldat überlebte nicht nur diese Brückensprengung, sondern kam auch heil durch die letzten Kriegs wirren und faßte seine Eindrücke von der Zerstörung der Johannistorbrücke Jahrzehnte später in einem Aufsatz zusammen, der im Jahr 1982 in den „Heimatblättern für den Süd-Westlichen Harzrand" unter dem Titel „1945 — Osterode am Harz" veröffentlicht wurde.

Bereits am 8. April 1945 hatte das Oberkommando der Wehrmacht den Harz zur Festung erklärt. Obwohl die Amerikaner am 10. und am 11. April bis Nordhausen im Süden und Halberstadt im Norden vorstießen und somit den Harz vom Westen her umfaßten, gewannen sie im Harz selbst in diesen Tagen

kaum Gelände. Seit Ende März waren in Osterode bereits Kolonnen von Soldaten, zu Fuß und motorisiert, durch die Stadt und über die Freiheit in Richtung Harz gezogen. Dann erschien auch das Pionier-Kommando, um die drei über die Söse führenden Brücken zu sprengen. Dazu waren Sprengstoffkisten auf die Brücken gesetzt worden, standen allein auf der Johannistorbrücke an allen vier Ecken je 20 Kisten.

Mitten in die Sprengungsvorbereitungen hinein ging jedoch das Gerücht durch die Stadt, Osterode solle verteidigt werden. Das Gerücht stimmte, denn am 9. April lud der Kampfkom-mandant alle Spitzen der Behörden zu einer Besprechung in eine der Baracken am Jahnplatz. Dort erfuhren sie, daß Osterode als Einfalltor in den Harz verteidigt werden müsse. Ihr Einwand, daß eine Stadt im Tal wie Osterode nicht zu verteidigen sei, hatte zunächst Erfolg. Der Kampfkommandant bat telefonisch bei seinem Divisionsstab um Abberufung, ein neuer Kommandant wurde entstandt, der ebenfalls überzeugt werden konnte.

Ein dritter Kommandant hingegen drohte im Laufe einer erregten Unterredung dem Landrat Schönfeldt sogar mit dem Standgericht, so daß dieser sich bereit erklärte, die Brückensprengungen nur im äußersten Notfall vornehmen zu lassen. Der Befehl dazu sollte von ihm persönlich zur Polizei gegeben und von dieser an die einzelnen Sprengkommandos weitergeleitet werden. Außerdem wurde vereinbart, daß die Bewohner gegen 5 Uhr alarmiert und zum Verlassen der Stadt aufgefordert werden sollten.

Gegen Mittag des 11. April kamen Wagen mit ersten Verwundeten an. Das Stadtgebiet war zu dieser Zeit wie ausgestorben. Dann gegen 14 Uhr kamen die ersten amerikanischen Panzer, begleitet von Infanteristen, den Uehrder Berg hinab. Sie fuhren und bewegten sich vorsichtig und rechneten wohl immer noch mit einem deutschen Angriff. Als sie keinen Widerstand verspürten, stießen sie weiter in die Innenstadt vor. Eine Verbindung zwischen dem Osteroder Kampfkommandanten und der Polizei bestand inzwischen nicht mehr, so daß die Sprengkommandos selbständig handeln mußten.

Die starken Detonationen erschütterten die ganze Stadt. Am schlimmsten waren die Folgen an der Johannistorbrücke. Fast alle in der Nähe befindlichen Häuser waren zerstört oder zumindest doch stark beschädigt. Im Umkreis von 300 m waren alle Dächer abgedeckt alle Fensterscheiben zerborsten und die Türen herausgerissen. Die Amerikaner fuhren Lastwagen mit Truppen heran, besetzten die umliegenden Häuser, Höhen, und ihre Artellerie beschoß letzte Einheiten der Waffen-SS an der „Alten Harzstraße" und am „Fuchshaller Weg". Osterode war eingenommen. Quelle: „Heimatblätter für den Süd.Westl. Harzrand", Heft 38/1982.

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