Niedersachsen

Mein besonderer Dank geht an Herrn Frank Layda, der mir diesen Artikel zur Verfügung gestellt hat.

Herzberger Zeitung vom 29.06.1967:

 

SCHARZFELD. Am kommenden Wochenende, vom 30. Juni bis 3. Juli feiert die Freiwillige Feuerwehr Scharzfeld ihr 90jähriges Stiftungsfest. Höhepunkte sind die Kreisfeuerwehrwettkämpfe am Sonntagvormittag auf dem Sportplatz und der Festumzug am Nachmittag unter Beteiligung aller Ortsvereine und Feuerwehren aus dem Kreisgebiet. Aus Anlaß dieses Ereignisses veröffentlichen wir einen Bericht aus den Anfängen der Scharzfelder Feuerwehr als die Männer an der Feuerspritze allnächtlich zum Einsatz gerufen wurden. Zwei gewissenlose Scharzfelder brachten durch Brandstiftung Not und Elend über das kleine Dorf am Rande des Harzes.

Man schrieb das Jahr 1878, die Freiwillige Feuerwehr war seit einem Jahr gegründet, um gegen das Ueberhandnehmen der Feuersbrünste einzuschreiten. Unbeschreiblich waren die Schrecken und bangen nächtlichen Stunden der Einwohner von Scharzfeld, denen sie von 1878 bis 1880 ausgesetzt waren. 21 mal zeterte der rote Hahn und ließ durch gewaltige Brände Häuser und Höfe in Flammen aufgehen. Die Feuerversicherungen weigerten sich, in Scharzfeld überhaupt noch eine Versicherung abzuschließen. In den Nachbarorten galt Scharzfeld als das „Brennerdorf".

Zwei junge Burschen, die der neugegründeten Wehr mit angehörten und bei den aufkommenden Bränden stets die ersten an der Brandstätte sich einfanden, waren die Mordbrenner, die ihre Mitmenschen Nacht für Nacht in Angst und Schrecken versetzten. Das eine Feuer war noch nicht ausgeglüht und schwelte noch in Schutt und Asche, dann rief das Feuerhorn und die Sturmglocke die erschreckten Einwohner erneut aus dein Schlaf. Hell auflodernd züngelten die Feuergarben aus den menschlichen Wohnungen und brannten die Stallungen, in denen das Vieh brüllte und tobte und vielmals darin umkam. Ja, oftmals kam es auch vor, daß die Hausbewohner beim Verlassen ihrer Schlafgemächer vom sprühenden Feuer der bereits schon brennenden Bodentreppe herunter überschüttet wurden und mit viel Müh und Not ihr nacktes Leben retteten. Die Hölle konnte dem menschlichen Auge kein schaurigeres Bild des Grauens vortäuschen, als das, was sich hier den Einwohnern von Scharzfeld bei den Bränden darbot. Undurchdringlicher beißender Qualm hüllte das ganze Dorf ein. Der Funkenregen ergoß sich weithin über die Dächer. Hin und wieder sah man ganze Speckseiten als leuchtende Fanale brennend durch die Lüfte sausen. Es schien, als fahre der leibhaftige Teufel aus den brennenden Häusern heraus.

Wer sind die Täter?

Wer schickte der Menschheit diese Geißel? So fragte man sich und war von Angst und Schrecken durchdrungen. Das Feuer konnte nur von den eigenen Mitmenschen böswillig angelegt sein. Doch wer waren diese Menschen und wo waren sie zu finden? Man stellte Wachen aus und ging auf geflochtenen ..Sockenschuhen" leise wie ein Dieb durch die dunklen Straßen und Gassen. Doch alle Nachforschungen blieben erfolglos, immer wieder aufs Neue zeigte sich der „Rote Hahn", bald hier, bald dort Seine glühenden Schwingen ließen in sengender Höllenhitze ein Gehöft nach dem anderen in Schutt und Asche versinken und Haustiere bei lebendigem Leibe verschmoren. Wie lange sollte dieser Spuk noch andauern? Fast zwei Jahre lebte man schon in Angst und Schrecken. Der Pfarrer betete mit seiner Gemeinde allsonntäglich inbrünstig zu Gott, das Dorf Scharzfeld in Zukunft von weiteren Bränden zu verschonen. Doch schien es, als wolle der Teufel mit seiner gesamten Höllenbrut ganz Scharzfeld in Flammen aufgehen lassen. Die Brände hielten unvermindert weiter an.

Die Schläuche sind zerschnitten!

In einer stillen Sommernacht hörte die Wache einen gellenden Pfiff, er mochte vom Kirchwinkei hergekommen sein. Die Wache blieb stehen und lauschte, da hörte sie noch einen Pfiff, jedoch etwas anders im Ton und aus entgegengesetzter Richtung, aus der Bremkestraße mochte er gekommen sein. Doch dann Herrschte wieder Ruhe, himmlische Ruhe, vereinzelt flimmerten die Sterne, nichts war mehr zu hören noch zu sehen. Man ging, daß heißt schlich weiter durch die Straßen und Gassen. Als man sich auf den Heimweg begeben hatte, sah man plötzlich, wie von dem hellen Kalksteingemäuer des Kirchturms ein flackernder Feuerschein sich widerspiegelte. Es war der Widerschein der soeben ausgebrochenen Flammen. Es brannte das Körbersche, jetzt Fischersche Haus (Spar, und Darlehnkasse) in der Bremkestraße. Die gellenden Schreie: „Feuer — Feuer, es brennt!", ließen das nur noch im Halbschlaf schlummernde Dorf urplötzlich erwachen. Die Wehr mit ihrer Spritze, war schnell zur Stelle, unter ihr auch Kö. und Kr. Der Spritzenmeister Rögener hatte mit geschickten und behenden Griffen die Spritze zum Einsatz fertig und das Kommando: „Wasser her!" ertönte. Krachend sausten die Pumpenschwengel im eiligen Rhythmus auf und nieder. Die kupfernen Pumpenstiefel und der Druckzylinder auf der Spritze vibrierten, als wollten sie jeden Augenblick bersten, so furchtbar war der Druck, den starke Männerfäuste und Arme in den Leib der Spritze jagten. Doch die Rohrführer am Brandherd schrien: „Mehr Druck, mehr Druck!". Der Spritzenmeister überprüfte noch einmal alle Hebel und Ventile an der Spritze. „Zum Donnerwetter, es ist doch alles in Ordnung!" brüllte er. Aber die Rohrführer schrien weiter: „Mehr Druck, mehr Druck!" Nur kläglich kam das Wasser aus den Strahlrohren und erreichte bei weitem nicht den Brandherd. Denn ergab die Ueberprüfung der Schlauchleitung, daß das Wasser an mehreren Stellen in großen Fontänen aus ihr entwich. Man hatte die Schläuche zerschnitten, die ruchlosen Hände der Mordbrenner hatten also auch schon in die Bekämpfung des von ihnen angelegten Feuers eingegriffen. Man mußte innehalten, um die Schläuche auszuwechseln, während das Feuer immer mehr an Ausdehnung zunahm. Man rettete was zu retten war. Frau Körber eilte noch einmal ins Haus, um Schlachtvorräte zu retten, de stürzte der Schornstein ein, begrub sie unter sich und zerschmetterte ihr zweimal den Oberschenkel. Ein fescher junger Mann, namens Schirmer, (am Mühlengraben) stürzte sich ins Feuer und rettete die alte Dame vor dem Feuertode. Als Lohn erhielt er später deren Tochter zur Frau, mit der er eine glückliche Ehe bis ins biblische Alter führte.

Der Brand war kaum ausgeglüht, Frau Körber lag mit ihrem gebrochenen Bein zu Bett, keine Nacht konnte sie schlafen. „Ich sehe schon wieder Feuer!", sagte sie zu ihren Angehörigen, die immer wieder versuchten, ihr diesen Wahngedanken auszureden. Doch als alle schliefen, schrie sie aus ihrem Bett: „Feuer — Feuer, der Kirchturm ist schon wieder hell erleuchtet!". Bald darauf hörte man auch schon das Feuerhorn blasen und die Glocke vom Turm, im Jahre 1439 gegossen, die schon manche Feuersbrunst in dem alten Scharzfeld angekündigt hatte, ließ ihr monotones: baum — baum — baum, schaurig in die Nacht erklingen.

Es brannte das Anwesen des Land- und Gastwirts Große in der Hauptstraße. Große, genannt „Gardehüter", hatte als junger Mann bei der Garde gedient und war ein Hühne von Gestalt. Er ist der Urgroßvater des heutigen Lehrers Manfred Öhne.

Die Tochter von der Frau Körber, die spätere Frau Schirmer, von ihrer Mutter geweckt, eilte als eine der ersten mit zur Brandstelle. Oben in der Dachkammer lag ihre Freundin und schlief, obwohl die Dachziegel schon von den brennenden Sparren auf das Hofpflaster prasselten. Sie stand als Hausmagd bei dein „Kreuger" in Diensten und war übermüdet ins Bett gegangen. (Es waren die vor einigen Jahren im hohen Alter verstorbene Frau Eckstein am Friedhof). Ihre Freundin, die spätere Frau Schirmer am Mühlengraben, ließ einen Steinhagel in das Fenster ergehen. Die berstenden und klirrenden Fensterscheiben und ihr Geschrei ließen die Freundin erwachen und retteten sie vor dem Feuertode.

Die Feuerwehr, die inzwischen angerückt war, hatte am Mühlengraben Aufstellung genommen und sogleich ertönte auch schon das Kommando: „Wasser her!" Doch was geschah? Alles blieb trocken, kein Tropfen Wasser vermochte die Spritze zu geben. Der Spritzenmeister, der seine Spritze wie seine Westentasche kannte und sie mit verbundenen Augen hätte bedienen können, stellte alsbald die Ursache des Versagens fest. Im Saugrohr steckte, obwohl der Schutzkorb vorschriftsmäßig davor montiert war, ein dicker rundlicher Stein, der das gesamte Saugrohr hermetisch verschlossen hielt. Wutentbrannt, den Helm vom Sturmriemen gelockert, halb im Genick sitzend, wischte sich der Spritzenmeister mit dem Rockärmel den perlenden Schweiß von der Stirn und sagte, halb verstohlen zum Hauptmann gewandt: „Ek late mek vom Düwel fräten, wenn de Brandstifters nich unner össek sind."

Doch auch dieser Brand war kaum gelöscht, es folgten immer wieder neue Brände. Die neugegründete Wehr kam nicht zur Ruhe, sie mußte sich stets einsatzbereit halten.

„Ich glaube, es brennt diese Nacht noch"

Eines Abends ging Spritzenmeister Wilhelm Rögener in vorgeschrittener Stunde zu seinem Schwager, dem Gastwirt Rieke (heute Gasthaus Blanke), um für seine Frau einen „Süßen" (roter Frauenschnaps zu damaliger Zeit, ähnlich dem heutigen Likör) zu holen. Sie hatte ihren ersten Sohn geboren und lag im Wochenbett. Auf der Hausdiele von Rieke begegnete ihm der Einwohner Kr., ein Feuerwehrmann, der ihm zu der Geburt seines Sohnes gratulierte, zum Nachhausegehen ermahnte und dabei die Worte äußerte: „Ich glaube, es brennt diese Nacht noch!"

„Wilhelm", der seiner „Pauline" einen „Süßen" in das Wochenbett gereicht hatte, legte sich schlafen. Doch kaum mochte er eine Stunde geruht haben, da rief ihn seine Frau und schrie: „Feuer! Feuer! Bei unserem Nachbarn Apel brennt es." Es brannte die Scheune des Nachbarn. Nur eine schmale Gasse trennte ihre Behausung im damals Oehn'schen Hause, heute das Hessesche Haus im Kirchwinkel. Der Feuerschein erhellte ihre Bettstatt, sie raffte sich auf, so schwach sie auch noch war, nahm den in Windeln gewickelten Sprößling ins Bettkissen, rettete sich damit ins Freie und kauerte im Feuerschein des Brandes bis zum Morgengrauen auf der Treppe zum Kircheingang. Wenn auch ihre Wohnung durch das sofortige Eingreifen der Wehr verschont blieb, so hatte sie doch einen derartigen Schreck erlitten, daß sie ihr Kind von Stunde an nicht mehr stillen konnte, und der kleine Erdenbürger starb zwei Tage darauf.

Die Mordbrennerei hörte jedoch nicht auf, noch manches Gehöft mußte dran glauben. Der alte Nachtwächter Störmer war der Verzweiflung nahe. Er mochte noch so oft mit größter Aufmerksamkeit seine Runden „schleichen" und die Laterne unter dem Wettermantel verborgen halten, nichts konnte er feststellen.

Die Brandstifter werden verhaftet

Doch als er in einer Nacht, dicht an den Häuserreihen entlangschleichend, die Dorfstraße heraufkam, vernahm er plötzlich ein unheimliches Knistern vom Hofe des damaligen Kuhhirten Rögener. Er hielt inne und lauschte, angelehnt des zur Straßenseite angrenzenden Oehnschen Hofes. Da hörte er, wie ein paar Stakettlatten abgebrochen wurden und sah schon, wie zwei dunkle Gestalten im eleganten Sprung wie eine Katze über das Stakett hinwegsprangen. Er stellte sich ihnen entgegen, holte die unter dem Mantel bisher verborgen gehaltene Laterne hervor und leuchtete sie an. Er hatte sie erkannt und fragte sie nach ihrem Tun und Treiben zu solch später Nachtzeit. Sie antworteten: „Onkel Störmer, ihr sagt doch aber nichts, wir haben dem Kuhhirten Rögener'n seine Scheune angesteckt, es brennt schon!" Störmer war wie vom Schlage gerührt, doch seelenruhig gab er ihnen zur Antwort: „Nein, Jungs, ich sage nichts, geht man ruhig nach Hause und laßt es brennen. Der Rögener wird schon wach werden, wenn ihm die Bettpfosten an den Füßen zu heiß werden!" Die beiden gingen nach Hause. Kö., ein Bauernsohn, wohnte gleich gegenüber, während Kr., ein Schuhmacher, weiter abseits wohnte.

Schnurstracks eilte Störmer zu dem damaligen Bauermeister David Kreter, dem Mitbegründer der Wehr, weckte diesen und setzte ihn von seiner Wahrnehmung in Kenntnis. Bauermeister Kreter schickte den Nachtwächter Störmer sofort nach Herzberg zur Polizei. (Telefon gab es noch nicht). Dort angekommen, donnerte er mit seinem Eikheister gegen die Haustür des Polizisten, daß es weithin dröhnte. Nicht nur der Polizist war wach geworden, sondern die ganze Nachbarschaft. Störmer trommelte noch immer gegen die Haustür und hielt erst inne, als der Herr Wachtmeister mit einem Hagel von Anschnauzern ob der nächtlichen Ruhestörung sich meldete. Doch als er von dem Geschehen in Scharzfeld gehört hatte, schlüpfte er schleunigst in seine Uniform und sattelte sein Pferd. Im Galopp ging es über die Berge nach Scharzfeld; Störmer im Laufschritt und außer Atem schweißgebadet hinterdrein.

Bei dem Bauermeister Kreter wurde die Verhaftung der beiden Mordbrenner besprochen und vorbereitet. Kaum hatten die ersten Sonnenstrahlen den Tag angekündigt, da setzte ein großer Tumult durch das ganze Dorf ein, man hatte inzwischen die Kunde von der Erfassung der beiden Mordbrenner vernommen. Kr., der nichts ahnte, wurde von seinem Schusterschemel aus verhaftet und in Fesseln gelegt. Kö. befand sich mit seinem Vater auf der Scheunendiele und war mit dem Dreschflegel zu Gange. Als er den ungewöhnlichen Lärm von der Straße her vernahm, öffnete er das Scheunentor zu einem kleinen Spalt und sah die tobende Menge, darunter auch seinen Freund Kr. in Fesseln. Kö. hatte die Situation sofort erkannt. Mit den Worten: „Vater, ich muß einmal austreten!" verschwand er und versteckte sich auf dem Heuboden.

Voran der Polizist, hinterdrein ein paar beherzte Männer, begann man mit der Suchaktion. Der Polizist durchstach mit seinem langen Säbel die Strohbunde und den Heubansen, doch nichts regte sich. Kö. war nirgends aufzufinden. Da rief der Polizist ganz laut: „Alles heraus aus der Scheune. Der Kö. ist nicht mehr hier und schon längst über alle Berge!" Es wurde still, die Begleiter stiegen die Bodentreppe hinunter, nur der Polizist allein blieb auf dem Scheunenboden und versteckte sich hinter einem Balkenständer. Da — auf einmal, als alles ruhig geworden war, wurde es hinter dem Heuboden lebendig, und unter den Dachziegeln hervorgekrochen kam Kö. Der Polizist stellte ihn und wollte ihn greifen, doch Kö. war schneller, und wie der leibhaftige Teufel sauste er die Bodenluke hinunter. Unten auf der Scheune aber stand der alte Wegewärter Apel mit seiner Schaufel. " Dieser den Kö. sehen und mit der Schaufel ins Kreuz schlagen war eins. Langgestreckt lag Kö. auf der Scheunendiele und stammelte jammernd die Worte: „Schlagt mich doch nicht tot, schlagt mich doch nicht tot!"

Kr. und Kö. wurden dann mit dicken Fuhrmannsketten an die Räder eines schweren Bauholzwagen gefesselt, der vor einem Bauernhause auf der Straße stand. Die mit Recht erzürnte Menge schrie und tobte vor Wut und Entrüstung. Die beiden Mordbrenner hatten zuviel Unheil, zuviel Leid im Dorfe angerichtet. Man kannte derentwegen auch kein Erbarmen, man spie sie an, steinigte sie, schlug mit Peitschen, Knüppeln, Heugabeln und Dreschflegeln auf sie ein, daß sie blutüberströmt zusammensackten. Die Mutter des Kr. stand mit einem langen Schlachteinesser ihres Mannes, der Hausschlachter war, vor ihrem ungeratenen Sohn und wollte ihm den Hals abschneiden. Andere schleppten Eggen herbei und wollten die Mordbrenner auf die Zacken legen, um sie so zum Herzberger Schloß zu transportieren. Die wahnsinnige Wut der Einwohner, die jahrelang unter den Schrecken der Mordbrenner gelitten hatten, kannte keine Grenzen mehr. Der Polizist und der Bauermeister hatten ihre liebe Not, die erregte Menge abzuhalten. Man hätte die beiden und auch den dritten sonst an Ort und Stelle gelyncht.

Inzwischen wurde ein dritter Mann beschuldigt, den Mordbrennern zu ihrer letzten Brandstiftung bei dem Kuhhirten Rögener die Streichhölzer gegeben zu haben. Doch dieser dritte, der Maurer H., den man auch verhaftet hatte, war vollkommen unschuldig. Wollten sich die wirklichen Mordbrenner an ihm rächen? Oder war es ihre nunmehrige eigene Angst vor der zu erwartenden Strafe? Die Unschuldsbeteuerungen des H. wurden von der erregten Menge zurückgewiesen. Die Mordbrenner hatten gesagt: „Er hat uns die Streichhölzer gegeben!"

Auch H. mußte somit die Mißhandlungen über sich ergehen lassen. Ein dicker Stein traf ihn in den Rücken. Er brach bewußtlos zusammen. Erst in der Verhandlung vor dem Schwurgericht in Göttingen am 4. Mai 1881 sagten die beiden Mordbrenner die Wahrheit und bekannten, daß H. völlig unschuldig sei. Man hatte sich von ihm die Streichhölzer erbeten mit der Ausrede, man wolle sich eine Zigarre anzünden. Mit der Brandstifterei aber, so sagten sie, habe H. nie etwas zu tun gehabt und auch nie etwas davon gewußt. Doch H. blieb zeitlebens ein Krüppel, nie mehr hat er seinen Beruf als Maurer ausüben können. Er wurde freigesprochen und galt als ehrenwerter Bürger. Er war aber ein unglückseliges Opfer der Mordbrenner Kö. und Kr,

Eine gerechte Sühne

Auf dem Wege zum Schloß Herzberg ins Gefängnis, wohin man alle drei, auch den unschuldigen H. brachte, äußerte Kö. auf der Anhöhe der Sandkuhle, am Ausgang des Ortes, den Wunsch, noch einmal stehen bleiben und sich umschauen zu dürfen. Dieser Wunsch wurde ihm erfüllt. Sein Antlitz nach Scharzfeld gewandt, rief er laut und vernehmbar: „Oh Scharzfeld, mein geliebtes Heimatdorf, ihr Berge und Felder, die ich so oft durchschritten habe, ade, ade für immer, ich sehe euch nicht wieder!".

In der verkommenen Seele desi Kö. war noch einmal das Heimatgefühl erweckt worden, es war stärker als alle bösen Geister. Der Gedanke, seine Heimat nicht wiederzusehn, mußte für ihn schrecklicher gewesen sein als die zu erwartende Strafe. Er sah seine Heimat, sein geliebtes Scharzfeld auch nie mehr wieder. Während seiner 15 jährigen Zuchthausstrafe die er zu verbüßen hatte, erhängte er sich in seiner Zelle. Die Leute im Dorf erzählten sich damals, der Teufel habe ihm höchstpersönlich den Strick in seine Zelle gereicht.

Kr., der die 15jährige Zuchthausstrafe überlebte, soll dann als ordentlicher Mensch aus dem Zuchthaus zurückgekehrt sein. Sein Lehrer Sindram, der ihm während seiner Schulzeit wegen seiner dauernden bösen Streiche oftmals zugerufen: „Kr., Du bist mir ein Nagel zu meinem Sarge, Du endest noch einmal im Zuchthaus!", hatte recht gehabt, wenn er es persönlich auch nicht mehr erlebte. Doch das Schicksal hielt auch an Kr. noch ein hartes Gericht, es hatte für ihn das Todesurteil vorgesehen. Auf seiner Arbeitsstelle, in der Stuhlfabrik auf Oderfeld bei Barbis, stürzte er die Treppe hinunter und brach sich das Genick.

Was die beiden Mordbrenner Kö. und Kr. zu diesen umfangreichen Brandstiftungen veranlaßt hat, hat man niemals in Erfahrung gebracht. Auch vor dem Richter sind sie auf diese Frage stummgeblieben. Man munkelte zwar allerlei, doch es blieb ein Geheimnis, das beide mit ins Grab genommen haben.

RÖGENER

(Großsohn des damaligen Spritzenmeisters)

 

Zeitung für St. Andreasberg vom 31.07.1969: 

Heute im Jahre 1989 hat sich das Bild der Postversorgung für den Südharz und für den im Westen verbliebenen Teil des Eichsfeldes erheblich gewandelt, Wohlführt noch ein Schienenstrang in den anderen Teil Deutschlands. Dreimal täglich wird das Eisenbahntor bei Ellrich geöffnet, um den Güterverkehr von und nach Mitteldeutschland durchzuschleusen. Einst verkehrten auf dieser wichtigen Schienenverbindung nach Nordhausen, Halle, Leipzig Ό- Eil- und Personenzüge, ,in denen eine Bahnpost, ein sogenanntes rollendes Postamt, mitfuhr und den Postaustausch für dieses Gebiet wahrnahm. Bahn und Post waren praktisch Träger des Verkehrs auf der Schiene.

Millionen Sendungen wurden in den Jahren des Bestehens dieser Verbindung nach Sachsen und Schlesien und zurück befördert. Die Schließung der Zonengrenze bei Walkenried hat den Postverkehr nach drüben vollständig zum Erliegen gebracht. Als Schluß der postalischen Bahnpost-Verbindung kann man wohl eiif Schreiben des Postamts Nordhausen vom 24. Januar 1946 betrachten, daß die Beschädigung eines Bahnpostwagens durch einen Bombenangriff aus den letzten Kriegstagen behandelt. Fleute müssen Briefe und Pakete den zeitraubenden Umweg über Helmstedt und Bebra nehmen.

Während man nach dem Kriege weiterhin das Gebiet bis Walkenried und Duderstadt mit einer Bahnpost postalisch versorgte, ging man Mitte der fünfziger Jahre dazu über, den veränderten Verkehrsverhältnissen, dem technischen Fortschritt und neuen betriebswirtschaftlichen Erkenntnissen Rechnung zu tragen. Das Umladen der Pakete kostete auf dem verbliebenen Teil der Harzstrecke und der Strecke nach Duderstadt viel Zeit und war darüber stark lohnintensiv. Bedingt durch die fortschreitende Entwicklung in der Schienenbeförderung, wie Verkürzung der Haltezeiten, den Einsatz von Triebwagen und Schienenbussen auf der südlichen Harzstrecke, mußte die Paketbeförderung zwangsläufig auf das Kraftfahrzeug übergehen, und zwar auch, wenn da: aus zum Teil ein „Schienenparallelverkehr" wurde. Im Zuge der Neuordnung und Rationalisierung des Paketverkehrs ging man dazu über. Northeim als natürlichen Knotenpunkt der Verbindung von Nord nach Süd und von Ost nach West für die Weiterbeförderung der Paketsendungen auszuwählen. Wurden früher die Pakete überwiegend in Bahnpostwagen nach Northeim herangeführt, benutzt man heute für die Beförderung des Kleingutes mehr und mehr geschlossene Güterwagen, sogenannte „Sackwagen", die in Postzügen, d. a. Expreß- oder Durchgangeilgüterzüge, oder sonstigen schnellfahrenden Güterzügen laufen. Diese Wagen sind heute das eigentliche Rückgrat der Kleingutbeförderung, und ohne sie wäre ein geordneter Paketdienst nicht mehr denkbar.

Ab 1983 wertete man die guten Erfahrungen mit der Postleitzahl im Briefverkehr auch für die Beförderung der Pakete aus. Die Postleitzahl leitet heute das Paket als Wegweiser durch alle Umschlagstellen bis zum Bestimmungsort. Der Paketfluß wird dadurch geschlossener und schneller. Besaß Northeim schon vor 100 Jahren für die Postversorgung eine dominierende Stellung, so hat es diese, als wichtigen Postumschlagsort für den Südharz heute noch inne. In den Südharz hinein verkehren werktäglich im Ein- und Abgang acht Paket-LKW mit zusammen über 30 Tonnen Nutzlast - das entspricht einem Fassungsvermögen von fast 4 000 Paketsendungen. In östlicher Richtung führen die Strecken von Northeim nach Herzberg, Bad Lauterberg, St. Andreasberg, Bad Sachsa und Duderstadt. Werktäglich werden für die Postversorgung etwa 550 km zurückgelegt - eine Entfernung von Northeim bis München oder Prag. Aber auch das Briefaufkommen für den Leitbereich 342 (Herzberg und Duderstadt) ist beachtlich. Werktäglich sind es rund 20-25 000 Briefsendungen, die ihren Weg über die zentrale Briefsammelstelle Northeim in den Südharz und nach Duderstadt nehmen. In umgekehrter Richtung fließt ein Briefstrom von 17 000 Sendungen über die Northeimer Sammelstelle hinaus in alle Teile Deutschlands und der Welt.

 

Aber nicht nur über die Straße werden Postsendungen befördert. Nach wie vor ist die Post auf die Bundesbahn hinsichtlich einer schnellen Beförderung ihrer Sendungen angewiesen. Etwa 50 Briefbeutel und mehr als 100 Zeitungspakete gehen werktäglich über die Bundesbahnstrecken Northeim-Walkenried - Northeim-Andreasberg, Northeim-Duderstadt und Northeim-Uslar (-Bodenfelde). Diese Briefbeutelbeförderung über Eisenbahnzugpersonal verursachen der Deutschen Bundespost zwar zusätzliche Kosten, die aber im Interesse einer schnellen Post-beförderung getragen werden müssen.

100 Jahre Bahnpost Northeim-Nordhausen! Einst verband sie, was heute getrennt ist

Harz-Kurier  vom 22.11.2005
Aus der Serie: Von Land und Leuten

Aus Aufzeichnungen des Dorsters Willi Mißling

Von Ingrid Kreckmann


OSTERODE/DORSTE Der nachfolgende Beitrag entstand nach Aufzeichnungen, die der Dorster Willi Mißling (*1908) nach seinem 83. Geburtstag niederschrieb. Sie stützen sich auf Überlieferungen, Texte zur Heimatge-schichte und seine eigenen Erinnerungen.

In Willi Mißlings Jugend sprachen die Dorster des öfteren noch von dem Besuch des blinden Königs Georg V. im Jahr 1866 und von den 12 Familien, die in den Jahren von 1855 bis 1890 nach Amerika und Brasilien auswanderten. Bemerkenswert erscheint, dass es ab 1905 in Dorste eine Straßenbeleuchtung mit Petroleum gab. Erst fünf Jahre später erfolgte der Anschluss an das Stromnetz. Die Wasserleitung war 1908 vom Bäckerhai ins Dorf verlegt worden. Die alte Schule befand sich einst nahe der Kirche. 1911 errichtete man ein größeres Gebäude an der heutigen Β 241 auf dem ehemaligen Friedhof. Die an die neue Schule angeschlossenen Baderäume nutzen die Schüler, deren Gesundheitszustand der Schulzahnarzt und Schularzt regelmäßig kontrollierten, jeden Sonnabendvormittag. Erwachsene schlössen sich nachmittags gegen Gebühr an.

Erstes Auto

Ab 1912 machte das erste Auto im Dorf großen Eindruck, es gehörte dem Gemeindevorsteher. Zu jener Zeit besuchte Dr. med. Fresenius aus Berka seine Dorster Patienten mit seinem knatternden Dreiradauto, während Dr. med. Maass sich aus Katlenburg mit einer Pferdedroschke bringen ließ.

Um 1916 holte gelegentlich der achtjährige Willi Mißling die für seine Familie bestimmten Lebensmittelkarten beim Gemeindevorsteher ab. Unter dessen Tisch lag gewöhnlich sein bissiger Hund, der den Jungen meist in die Flucht schlug, so dass er erst nach mehreren Anläufen Erfolg hatte.

Trotz strenger Überwachung durch die Polizei wurde schwarz geschlachtet. Alle Räume und Scheunen bis auf die Schlafkammern wurden damals auf Vorräte kontrolliert. Getreide war daher unter die Ehebetten am sichersten. Den meisten Menschen ermöglichte die Landwirtschaft während des Krieges und danach die Grundversorgung. In der Nachkriegszeit blieb nicht geheim, dass einmal ein acht Zentner schwerer Bulle geschlachtet .worden war. Dessen Fleisch wurde in Drei- und Vier-Pfund-Büch-sen eingekocht. Wer mit solcher Gabe erschien, konnte allerhand eintauschen. Die Bullenhaut wurde in Osterode gegen Lebensmittel gegerbt.

Damals reparierten die Familienväter die Schuhe und Kuhgeschirre meist zu Hause. Sie brauchten dazu Material, Handwerkszeug und Geschick. Wenn man neue Schuhe außer der Reihe, also ohne Bezugschein, benötigte, dann ging man, natürlich im Schutz der Dunkelheit, mit einem Stück Rindleder zum Schuhmacher. Der schnitt dann das benötigte Stück ab. Er selbst ging auch nicht leer aus.

Mehrere Zimmerleute und Maurer machten sich damals täglich auf den Weg nach Lerbach, um im dortigen Steinbruch zu arbeiten. Viele Männer arbeiteten im Winter in den umliegenden Wäldern als Holzhauer. Zu W. Mißlings Konfirmation gab es Kuchen aus Sauerteig und ein wenig selbstgemachten Johannisbeerwein. Den Konfirmationsspruch schrieb der Pastor in das Gesangbuch. Als Geschenk bekam der Konfirmand von den Paten 30.000 Mark. In jenen Jahren verliehen Privatleute Geld zum Bau von Häusern zu 12 bis 16 Prozent.

1928 mauerten W. Mißling und W. Kötter das Fundament für einen Walzenstuhl in der Schuppangschen Fabrik, in der Schafwolle aus dem Braunschweiger Raum zu Strumpfwolle versponnen wurde. [Das Garn war härter als das selbstgesponnene. In jedem Haus gab es mindestens ein Spinnrad.] Zum Trocken von Garn und Beiderwandstoff wurden auf der „Insel" Holzrahmen aufgebaut, die noch in den 1960er Jahren standen.

Wasser vom Roten Born

Bei fester Schneedecke führte der ausdauernde Forst im März 1929 zum Einfrieren der Wasserleitung. Daher holten diejenigen, die keinen Hausbrunnen hatten, das Trinkwasser vom Roten Born. Das Vieh versorgte man aus dem Dorfbach. Zum Frostschutz wurden die Stalltüren von außen mit Stroh abgedichtet, ein Gefäß mit glühender Holzkohle stellte man in die Kartoffelkammer oder den -keller.

Willi Mißling nahm u. a. in Lorient/Frankreich am 2. Weltkrieg teil. Danach war er während seiner 29monatigen Gefangenschaft in einem Lager in der Normandie untergebracht. Er arbeitete bei einem Bauern und erhielt zehn Fr/Tag zur freien Verfügung. Nach Feierabend und an den Sonntagen konnten er und seine Kameraden sich immer frei bewegen.

Osteroder Kreis=Anzeiger vom 28.02.1996

Die Geschichte des Harzer Kurbads Grund kennt Höhen und Tiefen
Von Anne-Rose Hintzen

BAD GRUND. Erst im Jahre 1855 wurde der Bergstadt Grund die Bezeichnung „Bad" verliehen. Die Initiative dazu hatten der Arzt Dr. Brockmann aus Clausthal-Zellerfeld, der Grundner Apotheker Helmkampff und der Grundner Gastwirt Römer ergriffen. Mit diesem Titel konnte nun verstärkt Werbung betrieben werden.

Die Gäste kamen aus dem niedersächsischen Raum, zum Beispiel aus Hildesheim, Hannover, Celle und Braunschweig. Aus einer alten Gästeliste von 1863 ist zu ersehen, daß sie aus dem gehobenen Bürgertum stammten. Als Berufsbezeichnungen werden genannt: Gymnasialdirektor, Oberamtsrichter, Hoftheater-Regisseur oder Oberst. Natürlich reisten auch die dazugehörigen Dienstboten wie Zofen und Kindermädchen an.

Hauptsächlich wurde die frische Waldluft genossen, aber es gab auch schon Fichtennnadel-, Molke- und Kräuterbäder. Diese wurden in dem Badehaus neben der Apotheke verabreicht. 1901 wurde ein größeres Badehaus durch den Kurarzt Dr. Meyer errichtet. Es befand sich hinter der ehemaligen Villa von Dr. Wiese.

Seit 1893 war ein Rückgang der Kurgastzahlen zu verzeichnen, obwohl ein neues Kurhaus, der heutige „Oberharzer Hof", gebaut worden war. Der Niedergang hielt während des Ersten Weltkriegs und der Inflationszeit weiter an.

Bürgermeister Walter Nobbe, der die Geschicke der Stadt von 1922 bis 1933 leitete, versuchte 1928 den Abstieg des Kurorts zu analysieren. Da war zum einen die Konkurrenz durch andere Kurorte, die im Oberharz entstanden waren und rege Reklame betrieben. Zum anderen hatte sich das Publikum, das die kleineren Kurorte im Harz besuchte, gewandelt. Die gehobene Mittelschicht fuhr in die Alpen oder ins Ausland. Zum dritten aber hatte es die Grundner Stadtverwaltung versäumt, durch verstärkte Reklame und eine günstige Verkehrsverbindung den Kurort ihrerseits attraktiver zu machen.

Von 1925 an mußten neue Wege zur Förderung des Kurlebens beschritten werden. Als erstes mußten neue Angebote gemacht werden. So wurden die verschiedensten Bäder- und Pauschalheilkuren propagiert. Mit der Landesversicherungsanstalt Berlin und Berufsverbänden gab es besondere Vereinbarungen.

Diese Maßnahmen zeitigten Erfolg, so daß das Badehaus allmählich zu klein wurde. Es fehlten Liegeräume, getrennt für Damen und Herren, denn man war damals noch prüde, und Badewannen. Außerdem wollte man sich auf Winterbadezeiten einstellen. Bisher dauerte die Saison von Mai bis September. Ein größeres Badehaus mußte also her.

Als neue Attraktion für den Badebetrieb wollte man auch Moorbäder verabreichen. Das war in den zwanziger Jahren für den Harz ein absolutes Novum. Die nächsten Moorbäder lagen in Bad Nenndorf, Oeynhausen und Pyrmont, in Lüneburg, Oldesloh und Thüringen.

Das original Bad Grundner Fichtennadelextrakt konnte im übrigen bald nicht mehr in genügender Menge hergestellt werden, da die Maschinen zu klein waren. Man behalf sich daher mit Extrakt aus Thüringen, den man dem einheimischen beimischte. Ganz wohl war es dem Bürgermeister dabei allerdings nicht, schließlich trugen die Flaschen ein Echtheitszertifikat.

Osteroder Kreis=Anzeiger vom 21.03.1991

 

An der Wabe klapperten einst neunzehn Schaufelräder


Zu den fast vierzig Beiträgen im „Heimatbuch 1991" des Landkreises Wolfenbüttel gehört auch ein illustrierter „Exkurs" von Otto Köchy „rund um Sicktes Mühlen". Die im Reitlingstal im Elm entspringende Wabe, schreibt Köchy, trieb einstmals neunzehn Mühlen — von Erkerode bis Gliesmarode — unterschiedlicher wirtschaftlicher Verwendungszwecke an. Nachzuweisen sind Kupfer-, Loh-, Mahl-, Öl-, Papier-, Polier-, Pulver-, Säge- und Walkmühlen. Sechs Mühlen befanden sich einmal auf dem heutigen Obersickter Territorium.

Sickte wurde im Jahre 888 erstmals urkundlich erwähnt; die erste Mühle, die Mahlmühle vom Jahre 1042, ist die älteste von allen Wabemühlen. Im 10. und 11. Jahrhundert gab es einen Strukturwandel der Grundherrschaft. Es entwik-kelten sich grundherrliche Bannbezirke, die einerseits den Zusammenhalt der Grundherrschaf t stärkten und andererseits die Einnahmen der Feudalherrenvermehrten.

Triumph der Mechanik

Die Wandlung der Bodennutzungsform im 12. und 13. Jahrhundert, bei der die Dreifelderwirtschaft immer mehr die älteren Bewirtschaftungsformen wie Feldgraswirtschaft und Zweifeldersystem zurückdrängte, führte zu höheren Erträgen. So wurde auch die Wasserkraft durch den Ausbau des Mühlenwesens stärker genutzt.

Als Folge dieser Entwicklung — etwa um 1450 beginnend — entstanden zu der bereits vorhandenen Mahlmühle (1024) nacheinander im Sickter Raum die Kupfermühle und die drei Walkmühlen. Einen zweifellos wichtigen technischen Fortschritt im Mittelalter brachte die Wassermühle.

In ihr greifen derart verschiedene Technologien und Arbeitsvorgänge ineinander, daß man sie geradewegs als die „mittelalterliehe Fabrik" bezeichnen kann. Es war die Zeit, in der die zeitraubende Handarbeit durch die Wasserkraft in vielen handwerklichen Bereichen ersetzt wurde. Die Mühle war damals die einzige technische „Gesamtanlage", die in vorindustrieller Zeit existierte, ein Triumph der mittelalterlichen Mechanik. Durch die Einführung eines komplizierten hölzernen Räderwerks, angetrieben durch die Wasserkraft — die Rotation einer horizontalen Achse auf eine senkrechte zu überführen —, erleichterte nicht nur das Drehen der Mühlsteine, sondern auch den Antrieb anderer Getriebe. Müller sein hieß, die Mechanik der Getriebe und der Hydrotechnik in den damals bekannten Prinzipien verstehen. Der Müller war ein Meister oder auch ein vorindustrieller Ingenieur, schreibt Köchy,

Als erste aller Wassermühlen an der Wabe wird die Mahlmühle im Dorf Sickte in der Königsurkunde Heinrichs des Dritten vom 24. Juni 1042 erwähnt. Darin überträgt der König seinem Gefolgsmann Sehart jene Güter, welche dessen Vater Hermann im Derlingau in der Grafschaft des Grafen Ekbert hinterließ, darunter die Mühle samt Mahlrecht in Sickte widerruflich, aber mit allen Nutzungen.

Die Magnikirche zu Braunschweig kaufte 1323 vom Herzog Otto die bis dahin an die von Steimke verlehnte Mühle. Ende des 15. Jahrhunderts gehörte sie Bartold Gremmerdes, wurde später weitervererbt und hatte danach eine überaus wechselvolle Geschichte mit vielen Erweiterungen.

30jähriger Krieg

Nach einem Kapitel über Stampfmühlen — dazu gehörten u. a. Ölmühlen — geht Otto Köchy auf das Mühlenwesen in der Regierungszeit der Herzöge Wilhelm d.Ä. (1400-1842) und seines Bruders Heinrich (1410-1473) ein. Zwischen 1592 und 1600 erfolgte die Umgestaltung einer der Mühlen in eine Papier- oder Hadermühle.

Als die Mühle im August 1626 durch Soldaten des 30jährigen Krieges zerstört wurde, war sie bereits eine Papiermühle. Eine mittelalterliche Papiermühle kann in Sickte nicht nachgewiesen werden. Am Tage vor ihrer Zerstörung traf noch eine Wagenladung mit Lumpen aus Braunschweig ein, die von dreißig Musketieren (Soldaten) beglei-tetwurde,

Nach ihrem Wiederaufbau 1670 begann man in der „Oberen Papiermühle" 1671 nur grobe Lumpen zu Makulatur zu verarbeiten. Einhundert Jahre später (1771) hat sie zwei Gänge mit sechzehn Hämmern zu vier Gruben oder Löcher. 1794 kaufte der Papiermüller Johann Friedrich Bergmann die „Untere und Obere Papiermühle" von den Nachkommen deren von Honrodt, der Frau Wilhelmine Antoinette von Thielau zu Niedersickte. Von 1791 an liegt das in Norddeutschland häufig anzutreffende Wasserzeichen im Schreibpapier der Papie-rerf amilie Bergmann aus Sickte vor.

Papier aus Lumpen

Die Papiermühlen hießen früher auch Hadermühlen, weil sie statt Getreide wie die Mahlmühlen, Hadern, d, h, Lumpen verarbeiteten, Ohne diese Ausgangsstoffe aus Wolle oder Leinen war der Betrieb einer Papiermühle unmöglich. Sie wurden gehandelt wie wertvolles Gut. Die adeligen Lokalherren nutzten dies und vergaben die Konzession des Lumpensammelns nur gegen ein besonderes „Bestandsgeld" an Händler bzw. Lumpensammler, die ihr Sammelgut an die in den betreffendem Territorium zugelassenen Papiermüller abliefernmußten.

Seitdemzwölften Jahrhundert wurde das Papier aus Leinenlumpen hergestellt, nachdem es ein paar hundert Jahre vorher mit größeren Kosten aus Baumwolle verfertigt wurde. Die Lumpen oder Hadern wurden von den eigens dazu gedungenen Leuten in den Städten und Dörfern eingesammelt und beim Papiermüller abgeliefert. Zu dem weißen Schreib- und Büttenpapier, das vielfach bei Gerichtsakten Verwendung fand, durften nur sorgfältig ausgesuchte weiße Lumpen verwendet werden. Der Verfasser schildert in seinem Bericht auch die umständliche Papierherstellung in damaliger Zeit, r-c. In den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts mechanisierte man die Arbeit des Papierschöpfens und Gautschens durch die Erfindung der Zylindermaschine und der Langsiebmaschine. Es begann das Zeitalter der Papierfabriken. Etwa ab Mitte des 19. Jährhunderts wurden die größeren Betriebe durch Dampfmaschinen verstärkt. Mit dem Beginn der Industrialisierung endet die Geschichte der beiden Sickter Papiermühlen 1870.

Aus dem Jahre 1521 ist bekannt, daß die vor Obersickte liegende Kupfermühle für die Braunschweiger Kupferschmiede arbeitete. Sie wurde nach 1476 angelegt. Das Material lieferte der Harzbergbau, der schon vor 1000 Jahren im Rammeisberg bei Goslar Kupfererze förderte, Das aus den Erzen durch Verhütten gewonnene Rohkupfer verarbeitete die Mühle zu Platten und Stäben. Diese Halbfabrikate verarbeitete die Braunschweiger Kupferschmiede zu Fertigfabrikaten, unter anderem zu Haushaltsgeräten. Später wurde diese Anlage als Ölmühle umgestaltet; eine Anpassung an die neuen Erfordernisse.

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