Niedersachsen

Duderstädter Heimatzeitung vom 13.04.1985

Vor 40 Jahren: Einmarsch der Amerikaner in Duderstadt

Duderstadt (mbo). Eine junge Russin mit dem Namen Natascha und ein schwerhöriger Duderstädter - beide erlitten das gleiche Schicksal: Beim Einmarsch der amerikanischen Soldaten in Duderstadt am 9. April 1945 fanden sie den Tod, obwohl die Eichsfeldmetropole ohne Gegenwehr in die Hände der Amerikaner gelangte. Das ist inzwischen 40 Jahre her, aber die Erinnerung an die Ereignisse ist noch lebendig.

Natascha fiel einem tragischen Irrtum zum Opfer: Die Russin, Zwangsarbeiterin im Polte-Werk auf dem Duderstädter Euzenberg, lief mit ihren Freundinnen winkend den Befreiern entgegen. Die Amerikaner feuerten jedoch Maschinengewehr-Salven in die Gruppe, und Natascha wurde getroffen. Im St.-Martini-Krankenhaus konnten die Ärzte nicht mehr helfen: Nach mehreren vergeblichen Notoperationen starb sie wenige Tage später; beigesetzt wurde sie auf dem St.-Paulus-Friedhof. Der schwerhörige Duderstädter starb an Ort und Stelle am Westertor.

Im Duderstädter Krankenhaus, so erinnern sich die damaligen Ärzte, gab es in den Apriltagen viel Arbeit: 49 deutsche Landser waren bei den Kämpfen in der Region lebensgefährlich verletzt worden, und nach dem Einmarsch der Amerikaner wurden sechs junge Duderstädterinnen in das Krankenhaus gebracht, die von Soldaten vergewaltigt worden waren.

Das Ende des Zweiten Weltkrieges für Duderstadt war schon Tage vorher absehbar gewesen, als die amerikanischen Truppen immer näher rückten (sie nebenstehenden Bericht „Die Amis kommen..."). Dennoch wollten die Nationalsozialisten die Stadt bis zum letzten Atemzug verteidigen. Zwei Tage vor dem Einmarsch prangte auf der Titelseite der auch im Kreis Duderstadt erscheinenden Göttinger NS-Gazette „Südhannoversche Zeitung" ein letzter Aufruf des Gauleiters: Unter der Überschrift „Lieber tot als Sklav" forderte er „alle Volksgenossen zum fanatischen Einsatz" auf.

„Unsere Heimat ist in höchster Gefahr", hieß es in dem Aufruf. „Wir sind gewillt und entschlossen, alle uns zur Verfügung stehenden Mittel und Möglichkeiten erbarmungslos einzusetzen, um unsere niedersächsische Erde, unsere Frauen und das höchste und wertvollste Gut, unsere Kinder, vor dem Zugriff der Anglo-Amerikaner und der ihnen folgenden Juden, Neger, Zuchthäusler und Gangster zu schützen...Die Tatsachen in den unterjochten Westgebieten unseres Reiches sprechen eine klare Sprache. Alle Männer stehen unter Bewachung von Juden und Schwarzen. Unsere Frauen wurden in Negerbordelle verschleppt... Deutschland lebt in uns und unserem Führer. Im tiefen Glauben an seine Ewigkeit gehen wir in den Kampf..."

In Duderstadt herrschte in den letzten Tagen vor der Ankunft der feindlichen Truppen fieberhafte Hektik, berichtete Hans-Georg Hövener, Herausgeber der „Südhannoverschen Volkszeitung", 1965 in einer Zeitungsdokumentation „Die Amis kommen...", die zum 20. Jahrestag des Einmarsches erschien. Panzersperren wurden errichtet, Geschütze aufgestellt, und der Volkssturm war ununterbrochen in Alarmbereitschaft. Das Wachlokal des Volkssturmes befand sich in der „Schanze" am Schützenring, wo 14jährige „Hitler-Jungen" als Melder eingesetzt waren. Der Volkssturm hatte sich erst Ende 1944 gebildet und im Januar seine ersten Geländeübungen absolviert, bei denen eine Panzerfaust vorgeführt wurde.

Die Verteidiger bauten Kreishaus, Rathaus und mehrere Privatgebäude in Verbandsplätze um, und an die Bevölkerung wurden Heeresbestände verteilt: Menschenschlangen standen nach Schnaps und Zucker an. Mit Pferdefuhrwerken kamen die Bauern aus den Dörfern in die Stadt, um ihre Rationen abzuholen. Die Wehrmacht sprengte unterdessen die Eisenbahnbrücke zwischen Wulften und Bilshausen, doch auch diese strategische Maßnahme konnte die Besetzung der Kreisstadt nicht verhindern.

24 Stunden nach dem Einmarsch in Duderstadt erreichten die „Amis" Bilshausen: Dort ging die Besetzung friedlicher zu, befanden sich doch keine deutschen Kampftruppen mehr in der Nähe des Ortes. Gegen Mittag zog sogar noch ein Hochzeitszug durch das Dorf, ehe sich kurz danach die ersten Spähwagen eintrafen. Am nächsten Morgen wurden alle männlichen Einwohner auf den Kirchplatz befohlen, doch nichts geschah - zur Mittagszeit zogen die amerikanischen Truppen weiter.

Auf ihrem Vormarsch auf Nordhausen und Bleichenrode stießen die US-Soldaten einem deutschen Jägerbataillon in den Rücken, das von dem damaligen Duderstädter Hauptmann Walter Ohlmer geführt wurde. Die Deutschen zogen sich zurück, doch zwei Wochen nach dem Einmarsch in Duderstadt gerieten Ohlmer und ein Großteil der Infanterie-Spitze in Gefangenschutz, die meisten Soldaten setzten sich in den Harz ab. Damit waren die kriegerischen Auseinandersetzungen im Eichsfeld schon vor der Kapitulation der deutschen Truppen am 8. Mai 1945 beendet.

Der frühere Hauptmann lebt heute in Moringen. 1984 geriet Ohlmer als Verfasser der wegen ihrer Darstellung der Zeit des Dritten Reiches umstrittenen Moringer Stadtchronik in die Schlagzeilen der Presse.

 

Bad Lauterberger Tagesblatt 18.04.1985

BAD LAUTERBERG me- In diesen Tagen um die 40ste Wiederkehr des Endtages des 3. Reiches wird wieder einmal versucht, Vergangenheit zu bewältigen und nur hin und wieder, Geschichte zu schreiben. Aber das ist immerhin ein Fortschritt. Nur, was ist die wahre Geschichte? Aus persönlicher Sicht derer, die das 3. Reich mehr oder weniger bewußt miterlebt haben, sind immer nur Mosaiksteine aufzuspüren, und wer sie zusammensetzen will, muß sich schon freimachen von Voreingenommenheiten, die ihm bereits in die Wiege gelegt wurden, von Propaganda-Thesen, wie sie nicht nur von Goebbels inszeniert und verbreitet wurden, von Umerziehungs-Syndro-men, die über eine Pauschalschuld für ein ganzes Volk gezüchtet wurden und weiter gepflegt werden und vor allem muß er sich freihalten von Haß oder Vergeltungsgedanken; denn sonst nützt auch eine so objektiv wie mögliche Geschichtsforschung und -Schreibung nichts, sondern erzeugt neuen Unfrieden.

Nun hat die deutsche Geschichte nicht 1933 angefangen und nicht 1945 aufgehört, sondern sie reicht viel weiter zurück und wird hoffentlich noch sehr viel weiter in die Zukunft reichen. Sie ist wie die Geschichte anderer Völker auch sehr oft mit Macht und Blut geschrieben worden, nicht nur in Kriegen mit Nachbarvölkern, sondern - die 100 Jahre Kreis Osterode erinnerten uns daran - sondern auch unter den deutschsprachigen Stämmen. Mein Großvater hütete seinen ihm von König von Hannover höchst persönlich verliehenen Verdienst- und Tapferkeitsorden -im Krieg gegen die Preußen erworben- wie eine Reliquie; aber er wäre nie auf den Gedanken gekommen, die Preußen - er mußte selbst einer werden - zu hassen. Im Gegenteil, in den Kriegervereinen hockten sie - alt geworden - zusammen und erzählten sich abenteuerliche Geschichten oder auch wahre Begebenheiten.

„ Band  6 ist  da  !! “

Was ist das Besondere an dieser Chronik ?

Unter den noch reichlich nachwirkenden Eindrücken der 1000-Jahrfeier im Jahre 1953  wurde  die Chronik 1956 von dem damaligen Ortschronisten Otto Dörge in nur einer Ausfertigung handschriftlich geschrieben. Er berichtet u.a. ausführlich über die Ereignisse in Gittelde, die sich in der NS-Zeit, im Zweiten Weltkrieg und in der Nachkriegszeit bis 1956 ereignet haben. Ohne sein damaliges Wirken wären diese Geschehnisse bereits im Dunkel der Vergangenheit verschwunden. Diese handschriftlich ver-fasste Chronik liegt seit 1984 als Dauerleihgabe des Fleckens Gittelde gut verschlossen in einer Schauvitrine in der Gittelder Heimatstube. Sie gilt als „Das Juwel“ der Ausstellung.

Inhalt:

In der auf 134 Seiten nachgedruckten Chronik, unter Beibehaltung des ursprünglichen Textes, teilweise neu zusammengefasst und mit vielen Bildern aus der damaligen Zeit ergänzt, ist Folgendes zu lesen:

 

-- Gittelde um die Jahrhundertwende und bis zum ersten Weltkrieg

-- Gittelde  im ersten Weltkrieg und zwischen zwei Weltkriegen

-- Gittelde im zweiten Weltkrieg, Kriegsverlauf und die Kriegsjahre

-- die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg

-- die letzten 10 Jahre in Gittelde (Jahresberichte von 1946-1956)

-- Rückblicke auf ältere Ereignisse

-- durchgeführte Bauvorhaben Wohnungsbau, Straßenbau u.a.

-- die Wasserwirtschaft in Gittelde (Markau-Damm,Wasserleitung)

-- Statistisches und viele Einzelthemen

 

            

Verkaufsstellen:

 

St. Barbara-Apotheke Gittelde

Geschenkekiste Mike Schmidt, Teichhütte

Tilman Riemenschneider-Buchhandlung, Osterode

Bodo Biegling, Gittelde

HarzKurier 15.04.1985

Vor 40 Jahren wurde das KZ Bergen-Belsen eingenommen

Bergen-Belsen. Es war ein Sonntag, als der britische Captain Derrick Sington am 15. April 1945 als erster mit einem Lautsprecherwagen durch das Konzentrationslager Bergen-Belsen fuhr und den Häftlingen die Befreiung bekanntgab. Nach heftigen Kämpfen bei Winsen an der Luhe erreichten britische Truppen gegen 15.30 Uhr das neutralisierte Gebiet um das KZ. In der Baracken- und Zeltstadt hatte die SS seit Wochen alle noch lebenden Insassen der vom'Vormarsch der Alliierten bedrohten Konzentrationslager aus allen Teilen des Reichsgebietes zusammengepfercht und sie dort ihrem Schicksal überlassen. Der Anblick, der sich Sington und seinen Kameraden bot, war unbeschreibbar.

Hunger und Fleckfieber

Im Lager wüteten Flecktyphus, Ruhr, Fleckfieber und Tuberkulose. Wohin die Soldaten auch schauten, überall türmten sich Leichenberge. „Die zum Bersten gefüllten Baracken waren Totenhäuser und Behausung für dahinsiechende Überlebende zugleich", stellte Sington fest. Rund 60 000 Häftlinge erlebten die Stunde ihrer Befreiung, aber noch 13 944 von ihnen starben britischen Ärzten und Sanitätern in den darauf folgenden Wochen unter den Händen weg. Bis zur Ankunft der Engländer sind 50 000 Menschen Hunger und Fieber zum Opfer gefallen - die zweiten 50 000 Toten von Bergen-Belsen, nachdem dort bereits von Ende 1941 bis zum Sommer 1943 ebensoviele russische Kriegsgefangene dahingesiecht waren. Die ermordeten und verhungerten Russen liegen heute auf dem Friedhof für Kriegsgefangene in Bergen-Hörsten begraben.

„Das Lager Belsen glich einer riesigen Kloake, es wurde zum wahrscheinlich verkommensten Platz, der die Oberfläche der Erde verunzierte", berichtete ein befreiter Häftling. „Der Dreck erreichte einen unbeschreiblichen Zustand. Die Kranken lagen in ihrem Kot, der auf die unteren Pritschen lief, sich auf den Boden ergoß, wo Kranke in einem fauligen Sumpf lagen. Es gab kein Wasser mehr, man trank aus einer Pfütze, bei der man feststellte, daß sie „nach Leichen roch", schrieb die Überlebende Hanna Levy-Hass im März 1945 in ihr Tagebuch. „Alles Menschliche ist auf Null reduziert."

Unbeerdigte Leichen

Mitten in der Lüneburger Heide fanden die englischen Befreier eine menschliche Müllkippe gigantischen Ausmaßes, 10 000 unbeerdigte Leichen. Noch Tage vor dem 15. April hatte die SS versucht, sich der Toten zu entledigen, indem sie Häftlinge riesige Scheiterhaufen aus Eisenbahnschwellen und Leichen auftürmen ließ und mit Benzin übergoß - der Gestank brennenden Fleisches war kilometerweit wahrnehmbar. Wenig später mußten die Bewohner aus der Umgebung des Konzentrationslagers und Angehörige der SS-Wachmannschaften unter Aufsicht britischer Soldaten die Leichen verhungerter Häftlinge bestatten.

Hexenkessel

Als sich der 15. April seinem Ende zuneigte, glich das Lager einem brodelnden Hexenkessel. Dem Kannibalismus, mit dem einige Häftlinge in letzter Verzweiflung überleben wollten, folgte der Sturm auf die gefüllten Lebensmittellager und auf die Schweinestallungen der SS-Wachmannschaften. Die halbverhungerten Häftlinge verschlangen alles, was sie fanden -und sie starben zu Tausenden an dieser ungewohnten Kost. Mehr als hundert der verhaßten Kapos und Funktionshäftlinge wurden gelyncht. Am 21. Mai 1945 ließ ein britischer Oberst die letzte Baracke des geräumten Lagers mit einem Flammenwerfer in Brand schießen. Was blieb, ist ein Mahnmal, bei dessen Einweihung Bundespräsident Theodor Heuss sagte: „Dieses Belsen und dieses Mahnmal sind stellvertretend für ein Geschichtsschicksal. Diese Scham nimmt uns niemand ab."

In Bergen-Belsen hatte die Wehrmacht bis 1940 Kasernen und Verwaltungsgebäude errichtet und Waffen eingelagert, dann landeten dort belgische und französische Kriegsgefangene zum Barackenbau. Das tammlager 311 entstand und wurde im Herbst 1941 Massenquartier für russische Kriegsgefangene. Im Sommer darauf war es leer: 50 000 Russen hatte eine Epidemie dahingerafft. Die Nazi-Bürokratie gebar eine neue Idee: Bergen-Belsen sollte Sammeliager für 10 000 Austauschjuden werden, für Juden mit besonderen Beziehungen zum feindlichen Ausland oder Juden, „die als Geiseln und als politische und wirtschaftliche Druckmittel brauchbar sein könnten."

„Erholungslager"

Letzten Endes jedoch trafen lediglich 5 000 „Austauschjuden" in der Heide ein, von denen nur 358 wirklich gegen internierte Deutsche ausgetauscht wurden. Aus dem geplanten „Zivilinternierten-Lager" wurde wegen der Möglichkeit internationaler Kontrollbesucher ein „Aufenthaltslager", daraus schließlich ein „Erholungslager" für erkrankte und arbeitsunfähige KZ-Häftlinge. Mit dem Vorrücken alliierter Truppen rollten im Winter 1944/45 immer öfter überfüllte Züge in Richtung Belsen. Die tödliche Überbelegung setzte ein.

Keine Gaskammern

In Belsen war keine Gaskammer nötig, die Menschen kamen auch so zu tausen^en um. Selbst Kinder und Greise fielen dem SS-Prinzip „Vernichtung durch Arbeit" anheim. Die .15jährige Anne Frank, deren Tagebuch weltberühmt wurde, war eine von ihnen. Sie war mit 8 000 Frauen der Hölle von Ausch-witz-Birkenau entronnen und starb in den letzten Tagen von Bergen-Belsen. Im September 1945 wurden im Lüneburger Belsen-Prozeß die Urteile über einen Teil der Verantwortlichen gesprochen: Elf Todesurteile, 19 langjährige Freiheitsstrafen, 14 Freisprüche.

Heute liegen die Massengräber inmitten eines Nato-Truppenübungsplatzes. Auf einer kleinen Erinnerungstafel auf dem Gelände des einstigen Konzentrationslagers steht: „Le temps passe, le souvenir reste - Die Zeit vergeht, die Erinnerung bleibt."

Karin Toben

aus Unser Harz, 1/1966, Seite 16:

Begegnung vor 50 Jahren und heute

An einem Oktobertage 1911 zogen wir vier Wandervögel auf dem Kamme des Bruchbergs und Ackers dahin und hofften, am Abend in der auf der Karte angegebenen Schutzhütte übernachten zu können. Aber oh Schreck! Von der Hütte waren nur noch verkohlte Reste zu sehen. Abgebrannt! Kurzer Kriegsrat. Zelt aufschlagen? Nein! Lieber nach Lonau absteigen und dort um Bleibe bitten. Inzwischen, war die Dämmerung zur Dunkelheit geworden, und der Abstieg war nicht einfach. Die Hände vorgestreckt, tasteten wir uns auf dem schmalen Pfade bergab.

Da plötzlich Männerstimmen im Walde! Wir stutzten. Ein Licht schimmerte durch die Zweige und verschwand wieder. Vorsichtig schlichen wir heran und — standen vor zwei Männern im Dunkeln. Der eine ein Grünrock, der andre ein Köhler. Beide in geheimnisvollem Gespräch: der Förster wollte von dem Köhler erfahren, ob er etwas über den Wilddieb' aussagen konnte, der sein Unwesen im Revier trieb.

Schüchtern fragten wir, wie weit es noch zu menschlichen Behausungen sei. „Die könnt Ihr hier in meiner Köhlerhütte haben. Ich selbst will zur Kirmeß nach Lonau, und Ihr seid als meine Köhlerknechte angestellt !" Das war für uns eine Sternstunde: wir rückten ab und sahen uns die Köte im Innern an. Befund beinahe fürstlich. Aber vorerst galt es, uns mit unsern Dienstpflichten vertraut zu machen.

Der erste Meiler, nur ein Meter von der Hütte, war noch ganz jung und prall. Der zweite war schon tief heruntergesunken, garte schon und sollte am nächsten Tage geöffnet und abgebaut werden. Der dritte seitab hatte oben eine Vertiefung. Der Meister nahm eine Stiege, d. h. einen Fichtenstamm mit Kerben, kletterte hinauf, hob die eingesunkene Decke mit der Schaufel ab und füllte die Höhlung mit einem Klafter Buchenholz.

Wir Lehrlinge paßten scharf auf und waren nun in unsern Dienst eingeweiht. Der Meister verabschiedete sich und versprach, bald nach Mitternacht zurück zu sein. Wir aßen noch Abendbrot und richteten uns in der Köte gemütlich ein. Statt Daunendecken nahmen wir mit Holzkohlensäcken gern fürlieb und schliefen nach dem strammen Marsch bald den Schlaf des Gerechten.

Mitten in der Nacht wachte ich von einem seltsamen Rauschen auf und (sah durch die Spalten) der Köte draußen helles Licht. Von einer bösen Ahnung gepackt, schob ich den Türvorhang, einen Kohlensack, beiseite: da loderten die hellen Flammen aus dem Meiler dicht bei der Köte. Sie hatten bereits ein tiefes Loch in das Holz hineingefressen. Also alle Mann raus! Wir schaufelten aus Leibeskräften Erde in die prasselnden Flammen, aber vergebens: die Glut unter den Holzrändern brannte weiter. Da kletterte Wambuschi, der Längste von uns, auf der Stiege hinauf zum Kraterrand, trat diesen ein, und nun war des Feuer schnell erstickt. Aber der Meiler bot mit der metertiefen Kuhle ein häßliches Bild.

Vorsorglich machten wir nun die Runde zu den anderen Meilern. Der garende glotzte uns mit seinen Glutaugen wie ein gewaltiges Untier an, war aber in Ordnung. Auch der dritte. Beruhigt wollten wir schon zurückkehren, da hörten wir im Walde oberhalb ein verdächtiges Tappen von Füßen. Und nun tauchte eine bange Erinnerung an das Abendgespräch über den Wilddieb wieder in uns auf. Wir hakten uns ein und schlichen leise zur Köte zurück.

Der Meister kam erst im Morgengrauen von Lonau herauf. Er hatte wohl seinem Versprechen gemäß frühzeitig aufbrechen wollen. Aber wie das so in fröhlicher Runde geht: „Na, noch ein Glas! Du hast ja vier Knechte!" So wurde es früher Morgen. Wir hatten ein schlechtes Gewissen' und zeigten ängstlich auf den eingesunkenen Meiler. „Na, das habt Ihr gut gemacht! Besser hätte ich's auch nicht gekonnt." Da war uns ein Stein vom Herzen, und wir nahmen gern die brennnenden Holzscheite an, die uns der Meister überließ, um uns unsern Frühtrank zu bereiten. Derweil öffnete der Köhler die Brandstellen wieder und füllte die Höhle erneut mit Holz. Nachher hörten wir von ihm, daß er der letzte Köhler von Lonau war. Der Meilerbrand lohne nicht mehr, da die großen Holzverwertungsbetriebe viel wirtschaftlicher arbeiteten und außer der Holzkohle viele Nebenerzeugnisse lieferten, die beim Meilerbrand verloren gingen.

Und sein Sohn? Der wollte wohl gern des Vaters Beruf fortführen. Aber wegen der Aussichtslosigkeit sollte er Lehrer werden. Und diese Tatsache half mir 54 Jahre später dazu, die Verbindung zu dem Sohne zu knüpfen. Ich erkundigte mich im Gasthof Quelle in Lonau, ob der alte Köhlermeister Füllgrabe noch lebe und erfuhr, daß der Sohn — siebzigjährig — im Nachbarhause wohne. Das „Wiedersehn" mit ihm wurde ein Erlebnis besonderer Art. Er erzählte, daß er nicht Lehrer geworden sei: die Liebe zum Heimatwalde war so stark, daß er das Seminar in Alfeld verließ und Waldarbeiter wurde. Aber von seinem Vater hat er doch die Kunst des Meilerbrandes gelernt. Also baut er seit zwei Jahren wieder Meiler sachgemäß auf und zündet sie zur Freude vielen Lonauer Kurgästen an.

Möchte dieser allerletzte Köhlermeister noch lange seines Amtes walten! Denn der Köhlerberuf war nicht nur Jahrhunderte lang von hoher wirtschaftlicher Bedeutung. Er hat auch im Volksbewußtsein einen festen Platz. Sagen und Märchen ranken sich um ihn. Davon mag eine Ahnung in uns aufglimmen, wenn wir auf unseren Wanderungen im Mittelgebirge irgendwo weitab von menschlichen Siedlungen einen kreisrunden ebenen Platz finden und beim Schürfen mit dem Wanderstock feststellen, daß der Boden von Holzkohlenresten und Asche ganz schwarz ist. Da hatte einst ein Meiler gebrannt und ein Köhler seines, Amtes in der Einsamkeit gewaltet.

Georg Faulhaber, Wernigerode

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